Energie

Fürs Stromnetz fehlen Berlin 1000 Fachleute

Bei Rückkauf der Energieversorgung müssen viele teure Spezialisten angeworben werden

Berlin müsste mehr als 1000 Ingenieure, Facharbeiter und Servicekräfte von Vattenfall abwerben oder neu einstellen, wenn das landeseigene Unternehmen Berlin Energie den Zuschlag für den Betrieb des Berliner Stromnetzes ab 2015 erhalten sollte. Das wäre auch nötig, um die Forderung des Volksbegehrens zur Übernahme des Stromnetzes umzusetzen. Über die Forderungen könnte es in den kommenden Monaten eine Volksabstimmung geben.

Nach Angaben des derzeitigen Betreibers Vattenfall sind 1376 eigene Kräfte notwendig, um das Netz zu managen, die Kunden zu betreuen oder Investitionen zu planen. Bisher gehen Senat und die Befürworter dieser Rekommunalisierung davon aus, dass die Vattenfall-Mitarbeiter auf dem Wege des Betriebsübergangs an ein landeseigenes Unternehmen wechseln werden. Denn in Berlins öffentlichem Dienst oder in seinen Landesunternehmen sind die Kompetenzen der Strommanager nicht vorhanden, seit die Stadt die Bewag 1999 verkauft hat.

Hilmar Rendez, Chef der Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin GmbH, verweist darauf, dass nur wenige der für den Netzbetrieb nötigen Fachleute von einem Betriebsübergang berührt wären. Denn die Stromnetz GmbH hat nur 150 Mitarbeiter, die sich der Steuerung und Kontrolle des Netzes widmen. Ihr gehören formal die Umspannwerke, Leitungen und Trafos, die Vattenfall an einen neuen Betreiber verkaufen müsste, sollte sie im Wettbewerb um die Konzession unterliegen. Als Preis gelten in Fachkreisen 800 Millionen bis eine Milliarde Euro als realistisch. „Dann haben sie das Kupfer im Boden, aber noch keine Menschen“, sagte Rendez.

Denn mit den sogenannten „Assets“ gehen nur die 150 direkten Beschäftigten der Stromnetz GmbH in eine neue Gesellschaft über. Aber Rendez kauft sich den weitaus überwiegenden Teil der praktischen Leistungen bei neun Vattenfall-Tochterunternehmen ein, die 1200 Vollzeitstellen für den Berliner Netzbetrieb besetzt haben, aber oft auch für das Hamburger Stromnetz tätig sind. So warten mehr als 800 Mitarbeiter die Anlagen in der Vattenfall Europe Netzservice, und 150 sorgen dafür, dass die Meter abgelesen und erneuert werden.

Alle diese oft gut bezahlten Spezialisten müssten für sich persönlich entscheiden, ob sie weiter für das Berliner Stromnetz tätig sein wollen und zu einem anderen Unternehmen wechseln oder ob sie bei Vattenfall bleiben. Dass sie bei Vattenfall entlassen werden, ist kurzfristig nicht möglich. Der Konzern hat betriebsbedingte Kündigungen bis 2017 im Tarifvertrag ausgeschlossen. Das sei kein Ausschlussargument gegen einen Betreiberwechsel, sagte Rendez. Allerdings müssten doch sehr schnell deutliche Aktivitäten sichtbar werden, wenn Berlin in der kurzen verbleibenden Zeit diese Personalprobleme lösen wolle.

Neben Berlin-Energie bewerben sich noch der Konzern State Grid China und der holländische Netzbetreiber Alliander um die Berliner Stromnetzkonzession. Alliander wäre als erfahrener Betreiber durchaus in der Lage, seine in den Niederlanden erprobten Prozesse auch in Berlin anzuwenden. Bei der Berlin Energie wäre der Aufwand viel größer.

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hält man das Problem für lösbar. „Das ist ein sehr aufwendiger Prozess“, sagte Sprecherin Daniela Augenstein. Mit Wolfgang Neldner habe man einen Chef für Berlin Energie geholt, der solche Übergänge schon mehrfach begleitet habe.

Ob und wann es zu einer Volksabstimmung zur Energiepolitik kommt, ist noch unklar. Der Senat muss bis 15. Juli einen Termin bestimmen oder den Gesetzentwurf des Volksbegehrens übernehmen. Sollte am 22. September parallel zur Bundestagswahl abgestimmt werden, müsste vorher eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses stattfinden.