Naturkatastrophe

Die Flut steigt – Brandenburg öffnet die Polder

Evakuierungen in der Prignitz und in Magdeburg. Angela Merkel wird mit Länderchefs über Kostenverteilung sprechen

In der Brandenburger Hochwasserregion entlang der Elbe hat sich die Lage am Sonntag zugespitzt. Die Elbe erreichte in Wittenberge einen Höchststand von 7,85Metern. Tendenz: weiter steigend. Zur Entlastung der Deiche wurden am Nachmittag Polder in der Nähe der Kleinstadt geflutet. Polder sind von Deichen umgebene Gebiete, die bei Hochwasser absichtlich geflutet werden. Die sonst landwirtschaftlich genutzten Flächen liegen etwa 30 Kilometer vor Wittenberge bei Neuwerben. Sie können etwa 250 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. In Havelberg, Wittenberge und im westlichen Havelland bis Rathenow gilt Katastrophenalarm.

An zwei Stellen fließt die Elbe durch Brandenburg: im Süden im Landkreis Elbe-Elster und in der Prignitz im Nordwesten. In der Stadt Mühlberg (Elbe-Elster) sanken zwar die Pegelstände weiter, flussaufwärts in Wittenberge (Prignitz) war das keinesfalls in Sicht. Am Dienstag wird ein Spitzenwert von 8,10 Metern erwartet. An Spree und Schwarzer Elster geht das Wasser zurück.

Am Sonntag wurde auch für das westliche Havelland vorsorglich Katastrophenalarm ausgerufen. Grund sei eine mögliche Gefährdung des Gebietes trotz geöffneter Polder durch unsichere Elbdeiche, betonte Landrat Burkhard Schröder (SPD). An die Einwohner in den Städten Rathenow und Premnitz sowie in den Gemeinden Rhinow und Nennhausen sowie im Milower Land wurde appelliert, freiwillig Wohnungen und Häuser zu verlassen. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) schätzte die Situation im westlichen Havelland an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt als äußerst angespannt ein. Einsatzkräfte und Freiwillige versuchten, den Deich bei Tangermünde zu stabilisieren.

Das Rekordhochwasser spitzt die Lage in Sachsen-Anhalt dramatisch zu. 23.000Einwohner der Landeshauptstadt Magdeburg wurden am Sonntag aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Im besonders bedrohten Stadtteil Rothensee gab es Zwangsevakuierungen. Die Elbe stieg auf den Rekordstand von 7,46 Metern – rund fünf Meter mehr als sonst. Der Krisenstab rechnet damit, dass die extremen Wassermassen noch mehrere Tage gegen die Deiche drücken. Am Zusammenfluss von Elbe und Saale südlich von Magdeburg brach am Sonntag ein Damm. Meteorologen sagten weitere Regenfälle voraus. In Sachsen kam es bereits zu heftigen Gewittern.

Für Unruhe sorgte eine Drohung der bislang unbekannten Gruppe „Germanophobe Flut-Brigade“, auf durchgeweichte Deiche Anschläge zu verüben. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht kündigte eine stärkere Überwachung aus der Luft und am Boden an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach den Flutopfern, man werde beim Wiederaufbau alles tun, was menschenmöglich sei. „Deutschland steht in bewundernswerter Weise zusammen in diesen Tagen – und das soll auch so bleiben“, sagte sie in München.

Wie hoch die benötigten Fluthilfen sein werden, ist noch nicht absehbar. Als sicher gilt nur, dass es sich dabei um einen zweistelligen Milliardenbetrag handeln dürfte. Am Donnerstag wird die Kanzlerin mit den 16 Ministerpräsidenten darüber beraten, wie diese Kostenlast fair verteilt werden kann, wie Regierungskreise der Berliner Morgenpost bestätigten.

Bundespräsident Joachim Gauck forderte die Deutschen zu mehr Solidarität mit den Opfern der Flutkatastrophe auf. Bei einem Besuch in Halle (Sachsen-Anhalt) und Meißen (Sachsen) traf Gauck Rettungskräfte und freiwillige Helfer. „Man kann sich nicht vorstellen, was da zu bewältigen ist“, sagte Gauck und forderte: Diejenigen, die nicht überlegen müssten, wenn sie eine teure Flasche Wein aufmachen, sollten ihre „Herzen und Geldbörsen“ öffnen. Bislang ist die Spendenbereitschaft geringer als vor elf Jahren, ergab eine Umfrage unter Hilfsorganisationen.