Karaseks Woche

Wechseljahre des Zeitgeists

Zum Urteil des Verfassungsgerichts zur Homo-Ehe

Mitte der 50er-Jahre, ich studierte in Tübingen, einer Universitätsstadt mit vorwiegend pietistischem Bürgertum, stürzte sich der Erbe einer renommierten Buchhandlung in den Tod; es war ruchbar geworden, dass er homosexuell war.

Adenauers erster Außenminister Heinrich von Brentano galt hinter vorgehaltener Hand als homosexuell. Der greise Kanzler bemerkte dazu in kleinen Kreisen mit rheinischer Jovialität, das störe ihn nicht, solange er ihm nicht an die Wäsche ginge.

Anfang der 60er-Jahre, ich war damals Chefdramaturg des Württembergischen Staatstheaters, musste mein Generalintendant Walter Erich Schäfer dem Kulturausschuss am Landtag und Stadtparlament klarmachen, warum er 1961 John Cranko, der „andersrum“ war, zum Ballettchef berufen wollte. Es gelang ihm mit dem Hinweis, dass auch Tschaikowsky „so“ gewesen sei. Ausgerechnet Veit Harlan, der „Jud Süß“-Regisseur, drehte 1957 den Film „Anders als du und ich“, in dem ein junger Mann durch eine junge Frau von seinem älteren Liebhaber „geheilt“ wurde. Die Zeit, in der Schwule mit dem rosa Winkel ins KZ kamen, war keine 15Jahre vorbei. Es gab nur wenig Proteste vor den Kinos. Der Paragraf 175 fiel erst spät aus dem Strafgesetzbuch, nämlich 1994. Die Bundeswehr wurde 1984 durch den Kießling-Skandal erschüttert. Der Nato-General war wegen vermeintlichen Besuchs einer Schwulen-Bar denunziert worden. Fälschlicherweise. Sein Minister Wörner geriet in Rücktrittsturbulenzen.

Als Klaus Wowereit als Bürgermeisterkandidat 2001 seine Homosexualität outete, sagte er das mutige Wort: „Und das ist auch gut so!“

Die Zeit hatte sich gewandelt. 1958 unterrichtete ich an der Urspringschule. Als ich weg war, wandten sich ein paar Jahre später ehemalige Schüler an mich, weil der befähigte und beliebte Musiklehrer der renommierten evangelischen Schule wegen seiner Homosexualität entlassen worden war. Ich konnte ihnen und ihm als Feuilleton-Chef der „Stuttgarter Zeitung“ nicht helfen.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost