Wirtschaft

Trotz Wachstum: Berlin bildet kaum noch aus

Der Anteil der Lehrlinge an den Beschäftigten sinkt auf 4,3 Prozent. Hauptstadt belegt damit im bundesweiten Vergleich den letzten Platz

Die Berliner Betriebe bilden immer weniger Lehrlinge aus: Der Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin sank auf 4,3 Prozent. Vor vier Jahren betrug die Quote noch 5,2 Prozent. Berlin belegt damit den 16. und somit letzten Platz im Vergleich zu den anderen Bundesländern. Am höchsten ist die Quote mit 6,99 Prozent in Schleswig-Holstein. „Diese geringe Quote ist nicht zu rechtfertigen, das passt nicht zur wirtschaftlichen Vernunft“, sagte die Berliner Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Dienstag. Schon jetzt beklagten einige Branchen angesichts des demografischen Wandels einen Fachkräftemangel. „Der beste Weg dagegen ist, selbst auszubilden“, sagte Kolat. Insgesamt suchen 20.000 Berliner unter 25 Jahren derzeit einen Ausbildungsplatz.

Im vergangenen Jahr unterschrieben 18.000 junge Berliner einen Ausbildungsvertrag. Das waren zwar 240 mehr als im Jahr zuvor, da in Berlin aber gleichzeitig 60.000 neue Arbeitsplätze entstanden und die Zahl der Auszubildenden nicht entsprechend zunahm, sank die Quote insgesamt. „Ich appelliere an alle Berliner Betriebe und Unternehmen, mehr auszubilden“, sagte Kolat. Eine Umfrage der Senatsarbeitsverwaltung hat den Angaben Kolats zufolge ergeben, dass von 100 Unternehmen in der Stadt nur 21 ausbilden. Allerdings ist auch nur jedes zweite Unternehmen überhaupt ausbildungsfähig. Insgesamt gibt es nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) rund 275.000 Unternehmen in Berlin. Davon sind rund 200.000 Klein- und Kleinstunternehmen, sodass nur 75.000 überhaupt als Ausbildungsbetrieb infrage kommen.

Um den Weg in eine Lehre zu erleichtern, verstärkte der Senat am Dienstag die Förderung von Ausbildungsverträgen. Demnach fördert das Land künftig bis zu 1300 junge Menschen in der sogenannten Verbundausbildung. Dabei handelt es sich um Zusammenschlüsse von stark spezialisierten Unternehmen, die allein die Voraussetzungen für eine IHK-Ausbildung nicht erfüllen, sich aber mit anderen Unternehmen zusammenschließen. Außerdem werden bis zu 400 Auszubildende mit Hemmnissen wie fehlenden Schulabschlüssen unterstützt. Unternehmen, die junge Frauen in atypischen Berufen ausbilden, können ebenfalls Fördergeld vom Land beantragen.

Aber nicht immer ist fehlender Wille der Unternehmen der Grund, warum weniger ausgebildet wird. Allein bei der Handwerkskammer sind aktuell 458 offene Lehrlingsstellen gemeldet. „Unsere Ausbildungsquote ist seit Jahren konstant, aber die Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden“, sagt Wolfgang Rink, Sprecher der Handwerkskammer. Die Kammer versuche seit Jahren, das Image der Handwerksberufe zu verbessern. So präsentiert die Handwerkskammer auf den „Tagen der Berufsausbildung“ am 5.und 6. Juni ihre Ausbildungsberufe.

Auch die IHK sieht nicht allein die Unternehmen in der Pflicht. „Die geringe Ausbildungsquote in Berlin ist das Ergebnis zahlreicher berlintypischer Phänomene“, sagte IHK-Sprecher Leif Erichsen. So sei die Berliner Wirtschaft vom Mittelstand geprägt, der besondere Anforderungen an die Auszubildenden stelle. Außerdem sei in einer Stadt wie Berlin bei jungen Menschen eine geringere Ausbildungsfähigkeit und -willigkeit festzustellen. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das von allen Seiten angepackt werden muss“, sagte Erichsen. „Wir sind auf dem richtigen Weg, die Wirtschaft übernimmt ihre Verantwortung“, so der IHK-Sprecher.