Patientenmissbrauch

Charité erforscht Medikamententests

Pharma-Unternehmen missbrauchten Patienten in der DDR für Studien

In der Kritik stehende Medikamententests von Pharmaunternehmen aus der Bundesrepublik, der Schweiz und den USA in DDR-Kliniken sollen jetzt an der Berliner Charité untersucht werden. Idee des auf fast drei Jahre angelegten Forschungsprojekts sei es, alle Beteiligten – also auch die Medikamentenhersteller – einzubinden, sagte der Leiter des Charité-Instituts für Geschichte der Medizin, Volker Hess.

Einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zufolge sollen bis zum Mauerfall in mehr als 50 Krankenhäusern rund 600 Medikamentenstudien unter anderem zu Herzmedikamenten und Antidepressiva in Auftrag gegeben worden sein. Mehr als 50.000 Menschen sollen dafür als Testpatienten gedient haben – zum größten Teil unwissentlich. „Der Spiegel“ verweist auf Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR. Fast alle großen Unternehmen der Branche sollen sich daran beteiligt haben, darunter Bayer, Schering, Hoechst, Boehringer, Pfizer, Sandoz und Roche. Konkrete Zahlen, wie viele Menschen in den klinischen Studien womöglich Schaden erlitten haben, sind bislang nicht bekannt.

Die Stasi-Landesbeauftragten in Ostdeutschland hatten bereits Ende April eine umfassende Studie über Medikamententests westlicher Pharma-Firmen in der DDR gefordert. Die Unternehmen sollen bis zu 800.000 Mark pro Studie bezahlt haben. Das DDR-Gesundheitsministerium unter der Leitung von Ludwig Mecklinger habe unter anderem die Geschäfte mit abgewickelt, hieß es. Nicht nur Medikamente, sondern auch Medizintechnik sei so in die DDR gelangt, dessen Gesundheitssystem sich in den 80er-Jahren in einem desolaten Zustand befunden habe. Mit den Studien der Pharmafirmen sollten die DDR-Kliniken über Wasser gehalten werden.

„Wenn es stimmt, dass in Ostdeutschland mehr als 50.000 Menschen als Testpatienten missbraucht wurden, handelt es sich um einen der größten Medizinskandale der Nachkriegsgeschichte“, sagte Hubertus Knabe, der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.