Karaseks Woche

Wo Schindler seine Liste schrieb

Als ich am vergangenen Donnerstag nach Krakau kam, sah ich bei meinem ersten Gang durch diese wunderschöne Stadt, das historische Herz Polens und mit den schrecklichsten Kriegsverbrechen der Deutschen auf immer verbunden, rote Sightseeing- und Touristenbusse, auf denen auch plakativ Fahrten zu „Schindlers Fabrik“ angeboten wurden. Dorthin, wo Schindler seine Juden vor dem Zugriff der SS gerettet hatte, indem er sie mit kriegswichtiger Produktion beschäftigte.

Meine Schwiegertochter, Bettina Kupfer, hatte in dem Film „Schindlers Liste“ die junge Frau gespielt, die sich für den Unternehmer schön macht, um ihren eigentlich arbeitsunfähigen Vater in seine Fabrik zu retten. Sie öffnete mir auch die Tür zu einem großen Interview mit dem Regisseur Steven Spielberg, und bei der Gelegenheit besuchte ich auch Billy Wilder, der mir erzählte, dass er, obwohl „alter Filmhase“, von dem Film so bewegt war, dass er vermeinte, seine Großmutter und Mutter (die in Auschwitz umgebracht worden waren) in den KZ-Szenen leibhaftig entdeckt zu haben.

Er gab mir seinen Briefwechsel mit Spielberg, wo er dessen humane Leistung mit dem jiddischen Wort „mensch“ in seinem englischen Brief rühmte. Paradox, dass dieses Wort im Zusammenhang mit den schrecklichen, unmenschlichen Verbrechen fiel.

Nach der Frankfurter Premiere von „Schindlers Liste“ 1994 saß ich mit Marcel Reich-Ranicki, meiner und seiner Frau zusammen, und er erzählte zum ersten Mal, bewegt durch den Film, von seinen Erlebnissen im Warschauer Getto. „Das musst du aufschreiben“, sagten meine Frau und ich zu ihm. „Das sage ich ihm schon seit Jahren“, sagte seine (inzwischen verstorbene) Frau Tosia.

Fünf Jahre darauf erschien Reich-Ranickis Biografie „Mein Leben“ – ein bewegender Welterfolg. Auch dieses Leben ist inzwischen ein (Fernseh-)Film. Auch dies das Zeugnis eines durch unmenschliches Leid geprüften Philanthropen.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost