Meinungsforschung

Eltern-Studie: 54 Prozent halten Job und Familie für schwer vereinbar

Kritik an fehlenden Kita-Plätzen in Deutschland. Väter und Mütter wollen länger zu Hause bleiben

Eine überwältigende Mehrheit der Eltern hat andere Vorstellungen von der Familienpolitik als die Parteien. So lehnen 81 Prozent der Väter und Mütter in Deutschland die rot-grünen Pläne zur Abschaffung des Ehegatten-Splittings ab. Dies ergab die neuste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Zeitschrift „Eltern“.

Ein rascher Wiedereinstieg in den Beruf entspricht nicht den Wünschen der meisten Familien: Nur knapp jeder Vierte plädiert für eine Babypause von nur einem Jahr, 40 Prozent halten drei Jahre oder mehr für ideal. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf empfinden sie als schwierig: 54 Prozent der deutschen Väter und Mütter geben an, damit Probleme zu haben. Viele Eltern beklagen zudem, dass es nach wie vor zu wenige Betreuungsplätze für Kinder gibt. 75 Prozent der Befragten betrachten das Kita-Angebot für unter Dreijährige als nicht ausreichend. Der Regierung bescheinigen die Eltern, keine klare Linie zu verfolgen.

Familienpolitik ist eines der großen Themen im anstehenden Wahlkampf. Die SPD stellt Eltern mit niedrigem Einkommen ein höheres Kindergeld in Aussicht. Im Gegenzug soll der steuerliche Vorteil für Ehepaare weitgehend entfallen. Doch die Abschaffung der gemeinsamen steuerlichen Veranlagung stößt nicht nur bei Anhängern des bürgerlichen Lagers auf Widerstand. Auch 83 Prozent der SPD-Wähler und 76 Prozent der Grünen-Anhänger halten nichts von einer Streichung des Ehegatten-Splittings. Hätten bei der Bundestagswahl nur Eltern mit minderjährigen Kindern eine Stimme, würde es für Rot-Grün knapp zum Sieg reichen. Die Grünen schneiden mit 22 Prozent Zustimmung bei Müttern und Vätern besser ab als im Rest der Bevölkerung. Die SPD kommt bei den Eltern derzeit auf 24 Prozent, die Linke auf sechs, die FDP auf drei Prozent. Wahlsieger wäre die Union mit 39 Prozent der Stimmen.

Auch in Berlin finden viele Eltern, dass es nach wie vor zu wenige Betreuungsplätze für Kinder gibt. Nur jeder Vierte hält das Angebot für unter Dreijährige für ausreichend. Jeder Zweite würde den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz notfalls einklagen. In Berlin besuchen nach Angaben der Senatsjugendverwaltung derzeit 40 Prozent der unter Dreijährigen eine Betreuungseinrichtung. Von knapp 100.000 Kindern in dieser Altersgruppe werden 40.000 in einer Kita oder von einer Tagesmutter betreut. Die Nachfrage schwankt je nach Stadtteil erheblich. In vielen Bezirken in Ost-Berlin werden 60 Prozent der unter Zweijährigen außer Haus betreut. In den westlichen Bezirken sind es oft nur etwas mehr als 30 Prozent. Je älter die Kinder werden, desto häufiger besuchen sie auch eine Kita. Im Jahr vor dem Schulanfang sind nur sieben Prozent der Kinder nicht in einer Kita.

Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) zog am Dienstag eine positive Bilanz hinsichtlich des Berliner Kita-Ausbauprogramms. „Bis Ende des Jahres sollen es rund 3200 neue Kita-Plätze allein aus dem Kita-Ausbauprogramm sein“, sagte Scheeres. Insgesamt sollen in Berlin bis Ende 2015 rund 11.000 neue Kita-Plätze durch dieses Programm entstehen. Nach einer neuen Bedarfsanalyse der Senatsverwaltung verschärft sich der Kita-Platz-Mangel in 54 Regionen schneller als angenommen. Betroffen sind vor allem Innenstadtbezirke. Aber auch in Spandau, Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf gibt es zunehmend Gebiete, in denen akute Kita-Platz-Not herrscht. Das Märkische Viertel erlebt einen Kinderboom. Insgesamt 13,8 Millionen Euro können in diesem Jahr aus dem Landesprogramm verteilt werden. Die Nachfrage ist wesentlich höher. Die Kita-Träger haben schon jetzt Maßnahmen für 36 Millionen Euro für das laufende Jahr beantragt.

Bundesweit spricht sich eine klare Mehrheit der Eltern (87 Prozent) für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen aus. Allerdings sinkt die Zustimmung auf ein Drittel, wenn eine solche Schulform verpflichtend eingeführt werden soll. Fast ebenso unpopulär ist das Modell der doppelten Vollberufstätigkeit. 40 Prozent der Eltern favorisieren die Variante, dass der Vater Vollzeit arbeitet und die Mutter einen Teilzeitjob hat und sich überwiegend um Haushalt und Kinder kümmert. 57 Prozent der Eltern haben heute diese Arbeitsteilung. Viele Eltern wünschen sich für beide Partner die 30-Stunden-Arbeitswoche, die jedoch nur in sechs Prozent der Fälle realisiert wird.

Fast alle Eltern halten es für wichtig, Kinder aus benachteiligten Familien früh zu fördern. Die kostenlose Mitversicherung nicht berufstätiger Ehepartner gilt den meisten als unentbehrlich. Als Sparmaßnahme plädiert eine Mehrheit dafür, Familien mit einem Einkommen oberhalb von 100.000 Euro Eltern- sowie Kindergeld zu kürzen. Seit Einführung des Elterngelds 2007 steigen nicht nur Mütter, sondern auch immer öfter Väter für den Nachwuchs zeitweise aus dem Berufsleben aus. Bei den 2010 geborenen Kindern beantragte bundesweit jeder vierte Vater (25,3 Prozent) Elterngeld. In Berlin waren es 31,2 Prozent der Väter.