Karaseks Woche

Grönland und das Gespür für Schnee

Jetzt, da Ostern kälter ist als Weihnachten und auch mehr Schnee gebracht hat, ist mir eingefallen, dass man mich früher glauben machen wollte, die Eskimos hätten hundert Wörter für Schnee.

Dabei haben sie nur vier, und alles andere ist ein Mythos. Aber mit dem Mythos muss ohnehin aufgeräumt werden, da die Eskimos nicht mehr Eskimos genannt werden, sondern zum Beispiel „Inuit“, was „Mensch“ heißt. Eskimo dagegen heißt in der Sprache des Algonquin-Stammes „Rohfleischesser“, ist also eine ähnlich treffende Bezeichnung wie „Kraut“ für Deutsche. In Kanada heißen die Eskimos „First Nation“, weil sie als Erste da waren, ist ja klar.

Ich war schon zu der Zeit erwachsen, als es noch den Sarotti-Mohren gab. Gibt's den eigentlich noch? Und wie heißt der inzwischen? Keine Ahnung. Ich liebte damals einen grammatikalischen Schlager über die Liebe der Eskimos, von denen es in meinem alten Lexikon heißt: „Die Eskimos schließen ihre Ehen sehr früh und leben meist monogam, wiewohl Polygamie erlaubt ist. Auch Polyandrie hat man bei ihnen beobachtet.“ Vielmännerei sozusagen. Das Lexikon fährt fort: „Sie haben ein ruhiges und doch heiteres Temperament und sind leicht zufriedengestellt.“ So war das früher: Der Tiroler ist lustig, der Tiroler ist froh.

Nun also zum Schlager, der das Konjugieren übt, im doppelten Sinn des Wortes: „Ein Ich-Du-Er-Sie-Eskimo fuhr einmal nach Paris/Und traf dort eine Mademoiselle, die war so zuckersüß/Der Ich-Du-Er-Sie-Eskimo hat sie sogleich geküsst/Doch leider mit der Nase nur, wie's in Grönland üblich ist./ Die Mademoiselle, die staunte sehr, und das mit gutem Grund/Dann sprach sie ,Oh là là, Monsieur, hier küsst man mit dem Mund‘/Der Ich-Du-Er-Sie-Eskimo hat Tag und Nacht geübt/Und Lippenküsse sind seitdem in Grönland sehr beliebt.“ Bleibt zu fragen, ob sich Polyandrie und gelegentliche Polygamie wirklich mit der Nase ausüben ließen. Die Es-Gewohnheiten und die Ess-Gewohnheiten haben sich inzwischen geändert. Und Grönland hat, so fürchte ich, inzwischen weniger Schnee als Deutschland. Grönland heißt übrigens „Grünes Land“, und das auf Dänisch. Weshalb der letzte Millionär bei Günther Jauch die Frage, welche Länder sich 2012 auf einen Grenzverlauf geeinigt haben, richtig mit Kanada und Dänemark beantwortet hat. Und die Dänen haben nicht nur im Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost