Karaseks Woche

Kardinäle pfeifen nicht

Wie eine Nachricht am schnellsten in die Welt kommt

Der Schornstein muss rauchen“, sagte man im Nachkriegsdeutschland, als das Wirtschaftswunder zu laufen begann. Der Schornstein der Sixtinischen Kapelle raucht nur während der Papstwahl. Den Kardinälen ist dabei jede andere Verbindung zur Außenwelt abgeschnitten. Ich bin sicher, dass sie auch ihre Handys abgeben müssen oder dass die Mauern Handy-schalldicht sind.

Rauchzeichen sind neben den Buschtrommeln die älteste Form der Nachrichtenübermittlung, zu der den christlichen Kirchen noch die Glocken zur Verfügung stehen. Sie rufen laut Motto von Schillers „Glocke“ die Lebenden, beklagen die Toten und brechen die Blitze, sind also Feuermelder der christlichen Welt. Der Raucherzeuger der Sixtinischen Kapelle ist ein Kanonenofen, wie er seit Menschengedenken funktioniert und im Vatikan seit 1939 steht. Ich kenne einen solchen noch aus meiner Kindheit, er hat unten ein Türchen und oben ein Rohr, man musste Papier unten über dem Rost zusammenknüllen, darüber Holzspäne mit dem Messer von einem Holzscheit lösen, kreuz und quer drüberlegen, dann einen Fidibus machen aus Papier und das Feuer in Brand setzen. Auch bei den Lokomotiven meiner Kindheit gab es weißen Wasserdampf, der durch den Schornstein ins Freie quoll. Mit weißem Rauch (Dampf) konnte der Zug pfeifen, aber das machen die Kardinäle nicht. Die Verfärbungen des Rauchs des Papstwahl-Ofens wurden folgendermaßen erzeugt: Man stopfte den Ofen mit Stroh und Werg und zündete das an. Sollte der Rauch nach gescheitertem Wahlgang schwarz werden, so machte man das Stroh nass und vermischte es mit Pech. Seit 2005 hat die moderne Chemie zugeschlagen. Für schwarzen Rauch nimmt man Kaliumperchlorat, Anthracen und Schwefel (also fast dasselbe Brennmaterial wie der Teufel in der Hölle), für weißen Rauch Kolophonium, Kaliumchlorat und Laktose. Der Rauch wird auf dem Petersplatz gesehen und wurde früher durch Boten über den Erdkreis verbreitet. Urbi et orbi.

Eine modernere Nachrichtenübertragung erfolgt per Handy. Als Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt bekannt gab, stieg kein schwarzer Rauch aus dem Verteidigungsministerium. Angela Merkel erfuhr es per SMS. Das Bild dazu ist inzwischen historisch. Die Kanzlerin lächelte zufrieden und zeigte das Display Annette Schavan, die erst grinste und sich dann fernschämte. Das hat auch sie den Kragen gekostet. Weil sie verdrängt hatte, dass sie im Glashaus saß. Schadenfreude ist keine christliche Tugend.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost