Gesundheit

Abrechnungsbetrug in Berlin: Polizei verhaftet Fachärzte

Razzien in der Hauptstadt und zwei weiteren Bundesländern. Vorwürfe gegen mehr als 100 Mediziner

Falsche Abrechnungen und Untersuchungen, die nie vorgenommen wurden. In Berlin sollen Ärzte offenbar im großen Stil betrogen haben. Staatsanwaltschaft und Polizei haben am Mittwoch vor allem im Stadtgebiet, aber auch in Brandenburg und Sachsen-Anhalt insgesamt 22 Arztpraxen und Wohnungen durchsucht. Schon seit längerer Zeit laufen Ermittlungen wegen gewerbsmäßigen Abrechnungsbetrugs. Nach derzeitigen Erkenntnissen sollen mehr als 100 Ärzte in die Betrügereien verstrickt sein. Im Zentrum des Verfahrens stehe ein in unmittelbarer Nähe des Kurfürstendamms gelegenes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). Der von den mutmaßlichen Betrügern verursachte Gesamtschaden werde derzeit auf 1,5 Millionen Euro geschätzt, sagte Justizsprecher Martin Steltner.

Knapp 80 Polizeibeamte rückten am Mittwochvormittag in den verdächtigen Arztpraxen an. Das Vermögen des MVZ, von dem die Betrügereien gesteuert worden sein sollen, wurde beschlagnahmt. Dabei handelte es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft um 630.000 Euro. Gegen zwei 60 und 58 Jahre alte Geschäftsführer des MVZ waren bereits im Vorfeld Haftbefehle erlassen worden, die beiden Mediziner kamen unmittelbar nach der Razzia in Untersuchungshaft.

Die beschuldigten Fachärzte, überwiegend Orthopäden, sollen nach einem ausgeklügelten System vorgegangen sein. Nach bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sollen regelmäßig Privatpatienten an eine Einrichtung überwiesen worden sein, in der kein Arzt angestellt war und zur Untersuchung der Patienten zur Verfügung stand. Dort sollen dann sogenannte MRT-Untersuchungen der Patienten ohne ärztliche Beteiligung und Überwachung durchgeführt worden sein. Die Auswertung der Aufnahmen übernahm den Ermittlern zufolge pro forma ein Radiologe, der an einem anderen Ort zugelassen ist und nie direkten Kontakt zu den untersuchten Patienten hatte.

Der Einrichtung wurden für die Fertigung der Aufnahmen jeweils 138 Euro gezahlt, der Radiologe erhielt für seinen per „Ferndiagnose“ erstellten Befund pro Patient 30 Euro. Die beschuldigten Mediziner sollen ihrerseits mit den Krankenversicherungen der Patienten Beträge zwischen 280 und 650 Euro abgerechnet haben. Für fachärztliche Leistungen, die niemals den Vorschriften entsprechend durchgeführt wurden.

Neben dem beschlagnahmten Vermögen des Medizinischen Versorgungszentrums wurde bei der Razzia am Mittwoch noch weiteres umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Das wird jetzt ausgewertet, nach Angaben der Staatsanwaltschaft eine Maßnahme, die aufgrund des überaus komplizierten und umfangreichen Sachverhalts einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Möglich sind weitere Durchsuchungen, aber auch Festnahmen. Auch die am Mittwoch genannte Schadenssumme ist nach Auskunft von Steltner nur eine erste Schätzung.