Karaseks Woche

Schaffner stoppt Star-Geiger

„Vier Jahreszeiten“ hat mehr Nachsicht mit Prominenz

Das „Vier Jahreszeiten“ ist in Hamburg das erste Haus am Platze, und der aus Wien stammende Maître des Grillrestaurants war eine Institution, 50 Jahre lang. Das Haus in schönster Lage ist nah am Wasser gebaut, die Ruhe im „Grill“ vorbildlich. Doch in 50 Jahren kann man selbst in dem vornehmsten Grill etwas Temperamentvolles erleben, im Auf und Ab der Beziehungen der Gäste. Aufmerksam war er, der Oberkellner, und so schrieb er, natürlich mit Füller: „Herr Bergauer, am 27. Mai haben Sie Ihre Frau kennengelernt, dazu meine herzlichsten Glückwünsche.“ Und der Gast antwortete: „Herr Nährig, ich danke für Ihre Glückwünsche, aber Sie irren. Am 27. Mai habe ich meine Frau zum ersten Mal in Ihrem Grill getroffen, kennengelernt habe ich sie bis heute nicht.“

Das Erinnerungsbuch heißt: „Gern hab ich Sie bedient“ und verzeichnet auch einen temperamentvollen Beziehungskrach zwischen dem Schauspieler Ulrich Tukur und seiner Frau. Es wurde lautstark und dramatisch. Tukurs Frau sprang auf und sagte: „Ich gehe in die Elbe und ertränke mich.“ Darauf ihr Mann: „Geh doch lieber hier in die Alster, sonst überlegst du es dir auf dem langen Weg vielleicht noch.“ Inzwischen lebt Tukur mit seiner Frau seit mehr als zehn Jahren in Venedig. Der traut sich was! Wo man doch in Venedig noch näher am Wasser gebaut hat. Touristen wissen natürlich, dass Berlin so wie Hamburg mehr Kanäle als Venedig hat, aber weniger Gondeln.

14 Tage vor der Buchvorstellung Rudolf Nährigs an der Alster wurde der „Preis für Lebensfreude“ an der Elbe verliehen, im Hotel „Louis C. Jacob“. Wieder konnte man aufs Wasser blicken, und der Preisträger David Garrett bedankte sich artig, auch mit einer Kostprobe seiner Virtuosität auf der Geige. Vorher erzählte er ganz traurig, er habe sich ein Abteil im ICE gemietet, um das Dankeschön-Stück zu üben. Aber dazu kam es nicht. Nach den ersten Bogenstrichen kam der Schaffner angestürzt und meinte: „Wenn Sie nicht sofort den Lärm unterlassen, setze ich Sie auf freier Strecke aus!“ Vielleicht hat er es etwas höflicher gesagt, aber er hat dem Lebensfreudekünstler damit einen melancholischen Seufzer entlockt.

Zum Wasser erzählt der Maître des „Vier Jahreszeiten“ von einer Sommelière, einer wahren Kennerin mit enormem Fachwissen. Bestellte ein Gast Mineralwasser, begannen die Fragen: „Mit oder ohne Kohlensäure, kalt oder Zimmertemperatur, salzhaltig oder eher neutral?“ Am Ende war der gute Gast so verzweifelt, dass er einen Tee bestellte.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost