Karaseks Woche

Ein Königreich für ein Pferd

Hellmuth Karasek über Esel und Maultier in der Wurst

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagte man in Zeiten, als die DNA-Analyse noch in weiter Zukunft lag und man die Verwandtschaft noch durch den freien Fall ermittelte. „Der (Pferde-)Apfel fällt nicht weit vom Ross“, hieß es entsprechend kalauernd, als man noch mit ein bis acht Pferdestärken reiste. Es ist nicht ohne Ironie, dass die Gebeine des buckligen Richard III. ausgerechnet unter einem Parkplatz gefunden wurden. Hieß doch sein letztes geflügeltes Wort: „Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd!“, bevor er vom Feind erschlagen und die Herrschaft der Plantagenets in den Rosenkriegen endete.

Nun klingt das schon abenteuerlich, wie man den DNA-Nachweis von Richard voraus in die Gegenwart verfolgen konnte, oder besser „zurück in die Zukunft“. Ein Neffe des mordwütigen Gewaltherrschers, der damals alle lebenden Neffen und Frauen im Tower verfaulen oder durch das Schwert umkommen ließ, lebt, in der 17.Generation, als kanadischstämmiger Michael Ibsen in London. Ibsen, auch nicht schlecht. Bei dem norwegischen Dramatiker waren die Königsdramen Shakespeares längst auf das Niveau bürgerlicher Gespenster gesunken, wo sich die Schuld der Väter in bösen DNA-Spuren (bei Ibsen Folgen der Syphilis und des Inzests, dem auch schon Richard frönte) niederschlägt.

Was man da heute alles rausfindet! So ist Isabella von Medici (1542–1576) nicht aus Eifersucht von ihrem Mann bei Tisch vergiftet worden, sondern, wie man soeben herausfand, an schwerer Nierenkrankheit gestorben. Nierennachweis nach fast 500 Jahren. Mit heutiger Wurst wäre das nicht so einfach. So muss Fleischwurst nur acht Prozent Muskelfleisch enthalten, das nachweisbar ist, und das Pferd, das Richard so sehr fehlte und das jetzt in der Lasagne aufgetaucht ist, hat einen weiten historischen Weg genommen. Während sich alle Tiefkühltruhen-Feinschmecker vor Ekel schütteln, weiß ich aus der guten alten Zeit, dass die edelste italienische Wurst, die Salami, und ihre ungarische Verwandte aus grob gehacktem Schweinefleisch faschiert wurden, das mit Pferde- oder Eselsfleisch gemischt und mit Knoblauch gewürzt wurde – damit es nicht mehr nach Pferd und Esel riecht. Mein altes Lexikon von 1902 übrigens lässt eine andere italienische Köstlichkeit, die Mortadella, aus Maultierfleisch gewinnen. Das Maultier ist bekanntlich eine Mischung aus Pferd und Esel. Hätte sich Richard 1485 bei der Schlacht von Bosworth notfalls auch mit einem Maultier begnügt, um Krone und Leben zu retten?