Papst Benedikt XVI. tritt zurück

„Ich habe nicht mehr genug Kraft“

Papst Benedikt XVI. tritt überraschend zurück. Kirchenführer und Regierungen zollen ihm Respekt

Völlig überraschend hat Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt aus Altersgründen angekündigt. Er werde sein Pontifikat am 28.Februar abgeben, sagte der 85-Jährige vor Kardinälen in Rom. Weltweit wurde die Entscheidung mit großer Überraschung, aber auch mit höchstem Respekt aufgenommen. Der deutsche Papst ist seit fast acht Jahren Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken.

Noch vor Ostern soll ein Nachfolger gewählt sein. Das Konklave zur Wahl des neuen Kirchenoberhauptes muss 15 bis 20 Tage nach dem Rücktritt beginnen. Der Ostersonntag fällt in diesem Jahr auf den 31.März. Benedikt werde im Konklave „keinerlei Rolle“ spielen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

In seiner Ansprache erklärte Benedikt in lateinischer Sprache, er spüre das Gewicht der Aufgabe, dieses Amt zu führen, habe lange über seine Entscheidung nachgedacht und sie zum Wohl der Kirche getroffen. Wörtlich sagte der Papst: „Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.“ Er sei sich der Schwere dieser Entscheidung wohl bewusst, erkläre aber mit voller Freiheit, das ihm am 19.April 2005 von den Kardinälen anvertraute Amt auf dem Stuhl Petri abzugeben.

Der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, nannte die angeschlagene Gesundheit von BenediktXVI. als Grund für den Rücktritt. „Das Alter drückt“, sagte der 89-Jährige. Der Arzt habe dem Papst geraten, keine transatlantischen Reisen mehr zu unternehmen. Auch das Gehen bereite seinem Bruder zunehmend Schwierigkeiten, so Georg Ratzinger. „Mein Bruder wünscht sich im Alter mehr Ruhe.“ Auf dem Petersplatz in Rom herrschte nach der Ankündigung Benedikts ungläubiges Staunen unter Touristen und Gläubigen.

Zuletzt hatte 1294 ein Papst, CoelestinV., aus freien Stücken sein Amt abgegeben. 1409 wurde GregorXII. abgesetzt, trat aber erst sechs Jahre später offiziell zurück. Nach Ende seiner Amtszeit wird Benedikt in einem Kloster im Vatikan leben. Bevor er dort einziehen könne, müssten noch Umbauarbeiten abgeschlossen werde, sagte der Sprecher. Dort wolle Benedikt ein Leben in Gebet und Meditation führen. Für die Übergangszeit werde er in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo bei Rom wohnen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Benedikt als einen der bedeutendsten religiösen Denker der Gegenwart. „Wenn der Papst selbst jetzt nach reiflicher Prüfung zu dem Entschluss gekommen ist, seine Kraft reiche nicht mehr für die Ausübung seines Amtes, so hat das meinen allerhöchsten Respekt“, sagte die Bundeskanzlerin.

Bundespräsident Joachim Gauck hob die besondere Bedeutung Benedikts für Deutschland hervor. „Denn dass ein Deutscher die Nachfolge von Johannes PaulII. antrat, war von historischer Bedeutung für unser Land“, betonte Gauck. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würdigte den Papst. „Diese ungewöhnliche Entscheidung verdient großen menschlichen Respekt“, so Wowereit. „Berlin und die deutschen Katholikinnen und Katholiken werden den historischen Besuch des deutschen Papstes im September 2011 in unserer Stadt im Gedächtnis behalten“, fügte Wowereit hinzu, der selbst Katholik ist. Bei seinem Deutschlandbesuch hatte sich der Papst am 22.September 2011 im Olympiastadion in das Goldene Buch der Stadt eingetragen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sprach von einer „großen menschlichen und religiösen Geste“. BenediktXVI. gebe „ein leuchtendes Beispiel wirklichen Verantwortungsbewusstseins“. Sein Anliegen, Glaube und Vernunft miteinander zu versöhnen, ziehe sich „wie ein roter Faden“ durch sein Wirken. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, nannte den Amtsverzicht „bewegend“.

Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki nahm die Entscheidung des Papstes „mit großem Bedauern“ auf. „Für mich ist es ein Zeichen von Demut und Sorge um die ihm anvertraute Kirche“, sagte Woelki. „Wie in allen anderen Belangen seines segensreichen Pontifikats handelt der Papst mit großer Umsicht und weit vorausschauend, auch wenn es um seine eigene Person geht.“ Woelki hob hervor, die Entscheidung gehe ihm sehr nahe, da er sich BenediktXVI. besonders verbunden fühle. „Ich schätze ihn als meinen theologischen Lehrer seit Studienzeiten, ich durfte ihn im Berliner Olympiastadion begrüßen, und schließlich berief er mich erst kürzlich in das Kollegium der Kardinäle.“

Lob erhielt BenediktXVI. auch von Juden und Muslimen. Der Zentralrat der Juden erklärte, der Papst habe dem jüdisch-christlichen Verhältnis „neue Impulse verliehen und es mit Herzlichkeit erfüllt“. Der muslimische Verband Ditib erklärte, der Papst habe deutlich gemacht, dass die Muslime ein selbstverständlicher Teil der Bundesrepublik seien.