Karaseks Woche

Wie das Dirndl zum Gate wird

Hellmuth Karasek über Skandale und Skandälchen

Jetzt also gibt es, nach dem Absturz des FDP-Spitzenkandidaten Brüderle auf der Beliebtheitsskala, ein neues „Gate“, ein „Dirndl-Gate“. Eine Schlagzeile lautet: „FDP leidet an Dirndl-Gate.“ Alle wissen inzwischen bis zum Überdruss, was gemeint ist. Es geht vor allem um den einen Satz des FDP-Politikers vor einem Jahr in einer Bar, wo der 67-Jährige einer 29 Jahre alten Journalistin in später Stunde zuraunte: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“

Warum aber in Dreiteufelsnamen „Dirndl-Gate“? Gate heißt ja bekanntlich „Tor“, und das Dirndl-Kleid, ein barockes Kostüm, lädt besonders mit seinem offenherzigen Ausschnitt zu freizügigen Blicken ein. Schenk-Kellnerinnen auf dem Oktoberfest tragen, neben den schweren Krügen, das Dirndl sozusagen als Gefahrenzulage. Aber damit hat das „Gate“, wie historisch Bewanderte und ältere Mitbürger wissen, nichts zu tun. Es geht um die Watergate-Affäre von 1974, die Präsident Nixon das Amt kostete, nachdem er in einem Hotel namens Watergate die „White House Plumbers“, auf Deutsch: Klempner, darauf angesetzt hatte, die demokratischen Wahlkampfgegner illegal anzuzapfen. Er entkam nur durch den Rücktritt einem Impeachment. Das einzig sittlich Unanständige an der Watergate-Affäre war der Spitzname des geheimen Informanten, der die Sache aufbrachte: „Deep Throat“. Damals, in einer libertinären Zeitspanne der Titel des Pornos, auf den alle Intellektuellen abfuhren.

Seit der Zeit „gatet“ es ohne Unterlass. Immer wenn ein Skandal auffliegt oder ein Skandälchen noch nicht (im ursprünglichen Sinne des Wortes) verpufft ist, wird ihm die zweite Hälfte des Hotelnamens angehängt. Die berühmteste deutsche Affäre war das „Waterkant-Gate“, bei dem Barschel über sein Ehrenwort stürzte und tot in einer Genfer Badewanne endete. Bis heute ist übrigens offen, ob Barschel der Schurke oder das Opfer von Waterkant-Gate war.

Auch als Clinton nach seiner Monica-Lewinsky-Affäre in Gefahr war, durch ein Impeachment aus dem Amt getrieben zu werden, war den Journalisten schnell wieder ein „Gate“ zur Hand. Nicht etwa das naheliegende „Deep Throat“-Gate. Stattdessen schwankten die Namen von „Monica-Gate“, „Lewinsky-Gate“, „Tail-Gate“ oder „Zipper-Gate“ (womit der Reißverschluss gemeint war, der eine Gate-öffnende Rolle spielte). Unter den zahllosen Gates kommt dem Dirndl-Gate das „Nipple-Gate“ am nächsten. Dabei entblößte Justin Timberlake Janet Jacksons Busen während der Halbzeit des US Superbowl-Spiels 2004.

Da „Gate“ für Skandale inzwischen ziemlich abgenudelt und abgenippelt ist, setzt sich allmählich „Leak“ durch, nach dem Muster „WikiLeaks“, also die undichte Stelle, aus der etwas überläuft. Bei älteren Herren ist das zu später Stunde oft der Mund, also Dirndl-Leak.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost