Karaseks Woche

Früher war mehr Lametta

Hellmuth Karasek über Weihnachtsbaum-Halbwertszeit

Jetzt, wo das Weihnachtsfest naht und die Weihnachtsbäume schon auf allen Marktplätzen tapfer leuchten, kommt mir zwangsläufig Loriots Klassiker in den Sinn, bei dem der Großvater den Heiligen Abend mit Tschingderassatäterää-Marschmusik begrüßt und sagt: „Früher war mehr Lametta.“ Und das Kind bei Loriot mit einem fröhlich explodierenden Atomkraftwerk beschenkt wird.

Das Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ ging im Original so weiter: „Kommt mit seinen Gaben / Trommel, Pfeife und Gewehr / Fahn und Säbel und noch mehr / Ja, ein ganzes Kriegesheer / Möcht ich gerne haben.“ Ich erlebte dank meines Lebenslaufs Weihnachten 1944 im letzten Kriegswinter. Es gab überreichlich Lametta. Das „Deutsche Jungvolk“, zu dem ich gehörte, sammelte Tag für Tag in den Wäldern Unmengen von glitzernden Metallfäden. Sie waren von den alliierten Bomberverbänden tonnenweise abgeworfen worden, um die deutschen Radargeräte zu täuschen. Das Weihnachtslied ist längst pazifistisch umgedichtet worden, sozusagen abgerüstet: „Morgen kommt der Weihnachtsmann / Kommt mit seinen Gaben / Bunte Lichter, Silberzier / Kind und Krippe, Schaf und Stier / Zottelbär und Pantertier / möcht ich gerne haben.“ Mir ist es ohne Text am liebsten, als wunderschöne Mozart-Sonate, Köchelverzeichnis 265.

Später habe ich mich mit der Umlaufzeit von Weihnachtsbäumen auseinandersetzen müssen, ihrer Halbwertszeit nach dem Fest. In Andersens Märchen wird der Weihnachtsbaum gleich noch am Heiligen Abend, ratzfatz, geplündert. Er war damals nicht nur ein Bote des christlichen Lichts, „auf die Zweige hängten sie kleine Netze …, jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt, vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen, als wären sie festgewachsen.“ Der Weihnachtsbaum war also ein Naschmarkt für Heiligabend. Da Bäume die unangenehme Eigenschaft haben zu nadeln, fliegt er bei uns unmittelbar nach Neujahr auf die Straße. Im katholischen Süden hat er bei mir bis zu den Heiligen Drei Königen überlebt. In den 40er-Jahren in Schlesien gab es einen Dauerwettbewerb, den Weihnachtsbaum bis Ostern zu retten. Er stand dazu in der ungeheizten, ungenutzten guten Stube. 1944 musste ich den Weihnachtsbaum vor der anrückenden Roten Armee jäh Ende Dezember verlassen. Wie lange er noch stand, weiß ich nicht. Damals war ich darüber traurig, heute bin ich heidenfroh. Auch über weniger Lametta.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost