Karaseks Woche

Pirelli auf der falschen Spur

Hellmuth Karasek über enttäuschte Männerträume

Ist wieder eine Festung der Männerfantasien geschleift worden? Wieder eine Augenweide für Autofans und Voyeure feministisch umgepflügt? Der „FAZ“ war es immerhin ein Bild auf Seite 1 wert, mit der oberlehrerhaften Überschrift: „Thema verfehlt“. Auf dem Bild war nur andeutungsweise und sehr abstrakt und wie in Tropfen aufgelöst ein Körperteil zu sehen, der eher an ein Naturereignis als an einen verlängerten weiblichen Rücken erinnerte.

Worum ging es? Der Pirelli-Kalender erscheint jedes Jahr, sehnlichst erwartet, seit 1964. Obwohl diesmal von dem illustren, preisgekrönten Fotografen Steve McCurry abgelichtet und zusammengestellt, lässt der Kalender 2013 Männerwünsche buchstäblich verdorren. Der Fotograf hat sich Frauen in Rio ausgesucht, die sich durch soziales Engagement auszeichnen. Und wenn er einen einzigen Halbakt zeigt, dann das hochschwangere Topmodel Adriana Lima, das vom künftigen Mutterglück einer sozial Engagierten kündet. Wir erinnern uns, Pirelli ist eine Reifenfirma, deren großformatiger Kalender das Höchste an ästhetischem Raffinement von schönen und sinnlichen Frauen für gierige und verwöhnte Männeraugen präsentiert. Ein Highlight zum monatlichen Abreißen für jede Autowerkstatt.

Wie wirbt man, verdammt noch mal, für Autoreifen? Das Michelin-Männchen mit seinem eher wulstigen Körper versucht es über den Weg, dass Liebe zum Auto auch durch den Magen geht, und verteilt Sterne für Gourmet-Tempel. Pirelli ging bisher den Weg allen verfeinerten Fleisches. Michael Kleeberg hat in seinem grandiosen Macho-Roman „Karlmann“ eine glänzende Satire auf das Macho-Gehabe geschrieben, die das Auto wie den Reifen mit weiblichen Drei-Sterne-Pin-ups vermarktet. Da hängt im Büro des Autohauses, das der sexversessene Karlmann betreibt, das Pirelli-Abreißbild einer vollbusigen Schönheit. Derartiger Machismo wird im Buch bestraft, am Ende verlässt den Helden seine vernachlässigte Frau aus Liebe zu ihrer Professorin. Wollte Pirelli dem jetzt vorbeugen mit dem neuen Kalender? Die „FAZ“ rügt jedenfalls, dass Steve McCurry als Zweiter an einer schlichten Aufgabe gescheitert sei, denn: „Der Auftrag lautet nur, keine Autoreifen, sondern mehr oder weniger nackte Frauen so zu fotografieren, dass sie noch beim kleinsten Kfz-Mechanikerlehrling die traditionellen Reaktionen hervorrufen.“

Karl Lagerfeld hatte es 2011 gewagt, seinen Pirelli mit frontal abgebildeten männlichen Nackten aufzumischen. Auch das erinnert schon an Reifen mit quietschenden Bremsen.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost.