Sicherheit

Missbrauchsfall: Charité überprüft mehr als 1000 Mitarbeiter

Ärzte und Pfleger in Kinderklinik und Psychiatrie müssen ein Führungszeugnis vorlegen

– Die Charité zieht Konsequenzen: Nach dem Missbrauchsfall auf der Kinderrettungsstation wird die Klinikleitung alle Mitarbeiter überprüfen lassen, die regelmäßig Umgang mit Kindern oder Psychiatrie-Patienten haben. „Wir haben die Überprüfung aller Beschäftigten beschlossen, die in sensiblen Bereichen arbeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Universitätsklinik, Karl Max Einhäupl, der Berliner Morgenpost. „Wir werden von jedem ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis anfordern.“

Betroffen sind nach Angaben Einhäupls mehr als 1000 Ärzte, Pfleger, Schwestern und andere Mitarbeiter, Frauen wie Männer. Die Kosten für die Überprüfung trägt die Charité. „Wir sind bereit, dafür Geld in die Hand zu nehmen“, sagte Einhäupl. Ein Führungszeugnis kostet 13 Euro pro Person und wird innerhalb von rund zwei Wochen vom Bundeszentralregister ausgestellt.

Vor knapp zwei Wochen hatte in der Kinderrettungsstelle der Charité auf dem Campus Virchow in Wedding eine 16 Jahre alte Patientin erklärt, ein 58-jähriger Pfleger habe sie sexuell missbraucht. Der Mann wurde umgehend vom Dienst suspendiert, es verging jedoch fast eine Woche, bis der Vorstand des Klinikums von dem Verdacht erfuhr. In der Folge wurden schwere Kommunikationsmängel in der Charité offensichtlich, zumal der Mann bereits in den Jahren 2011, 2009 und 2005 durch sein Verhalten gegenüber Frauen aufgefallen war. Eine Strafanzeige gegen ihn wurde erst gestellt, als der Fall öffentlich bekannt geworden war.

„Der Einzelfall muss uns veranlassen, solch ein Risiko für alle Zeiten zu minimieren“, begründete Einhäupl die Überprüfung auch von bereits an der Charité beschäftigten Mitarbeitern. Für Neueinstellungen hatte der Klinik-Chef bereits angekündigt, dass für die sensiblen Bereiche künftig erweiterte Führungszeugnisse gefordert würden. Dass auch die Psychiatrie einbezogen wird, ist eine Reaktion auf einen Fall von mehrfachem sexuellen Missbrauch. Ein Pfleger der Charité hatte sich in der Psychiatrie an zwei jungen Frauen vergangen. Er war dann im Jahr 2010 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Die Richter erteilten seinerzeit auch eine Rüge an den Arbeitgeber. Die Charité habe den Mann für die Arbeit mit psychisch Kranken eingesetzt, obwohl er keine Ausbildung dafür hatte, kritisierte das Gericht.

Die Charité-Spitze geht davon aus, dass es in der Universitätsklinik mit ihren fast 13.000 Mitarbeitern und mehr als 700.000 Behandlungsfällen im Jahr relativ häufig zu Übergriffen und sexueller Belästigung kommt. „Die Zahl nicht registrierter Verfehlungen ist vermutlich erheblich“, heißt es in einem Papier des Vorstandes, das „acht Maßnahmen und Handlungsempfehlungen“ als Konsequenzen aus dem Missbrauchsfall auflistet. Das liege auch an dem hohen Anteil weiblicher Mitarbeiter und den besonderen Arbeitsbedingungen wie Nachtdiensten und der „medizinisch bedingten Aufhebung körperlicher Distanz“.

Um diese Fälle künftig zu vermeiden, will der Charité-Vorstand unter anderem eine Kampagne für Respekt und Achtsamkeit innerhalb des Hauses starten und ein Präventionskonzept gegen sexuelle Übergriffe entwickeln. Zudem sollen die Möglichkeiten, kritische Beobachtungen anonym über das „Vertrauenstelefon“ oder Vertrauenspersonen zu melden, erweitert werden. Die Klinik will auch zurückliegende Missbrauchsfälle und den Umgang damit überprüfen und aufarbeiten.

Der Acht-Punkte-Plan soll der Expertenkommission zugeleitet werden, die die Charité seit Montag beim Aufbau neuer Strukturen unterstützen soll. Die Gruppe unter der Leitung von Ex-Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) solle dann entscheiden, ob sie damit einverstanden sei oder sie weitere Punkte hinzufügen wolle, sagte Einhäupl.

Die Anrufer auf der geschalteten Telefon-Hotline zum Missbrauchsfall haben inzwischen weitere Hinweise auf Verdachtsfälle gegeben. Die Charité informiert jedoch nicht mehr darüber, sondern leitet ihre Erkenntnisse an die Kriminalpolizei weiter.