Außenpolitik

Diplomatische Passkrise

Zu große Landkarten auf Chinas neuen Ausweisen ärgern die Nachbarn

Chinas Regierung versucht alles, um ihre territorialen Ansprüche kundzutun. Die letzte Idee fällt nicht sofort auf, löst nun aber einen grotesken Passstreit aus: Seit Mitte Mai erhalten chinesische Bürger, die ins Ausland reisen, neue Ausweise. Sie sind nicht nur elektronisch lesbar, sondern auch patriotisch ausgeschmückt. Auf 40 der 48 Seiten sind Motive vom schönen Reich der Mitte als Hintergrundbilder zu sehen. Auch kleine Reliefkarten der Grenzen sind eingedruckt. Die aber haben es in sich.

Auf ihnen ist etwa das chinesisch-indische Grenzproblem im Himalaja, dessentwegen sich beide Länder 1962 bekriegten, bereits gelöst – im Sinne Pekings. Auch die Lage im Südchinesischen Meer ist entschieden. Im chinesischen Reisepapier markiert jetzt eine gestrichelten Grenze den Besitzanspruch der Nation über fast 85 Prozent des 3,5 Millionen Quadratkilometer großen Meeres und aller Inseln.

Die Anrainerstaaten protestierten, als sie sich die neuen Pässe genauer ansahen. Indonesiens Außenminister warf Peking eine grobe Verletzung des internationalen Seerechts vor. Vietnam verlangte Rücknahme oder Korrektur der Ausweise. Chinesische Reisende mussten in Vietnam Zusatzgebühren für Einreisestempel auf Extra-Einlegeseiten zahlen, weil die Grenzbeamten sie nicht direkt abstempeln wollten. Nur Japan, das China seit Wochen wegen einiger Inseln im Ostchinesischen Meer attackiert, blieb bisher auffallend ruhig. Den Grund nennt Japans Außenministerium: Die Inseln, die Peking beanspruche, seien mit ihren vier Quadratkilometern so klein, dass sie in den Passkarten nicht eingezeichnet seien. „Wir haben mit Pekings neuen Pässen kein Problem.“