Kriminalität

Sexueller Missbrauch von Patientin: Charité ist wieder in Erklärungsnot

Klinikum räumt Kommunikationsprobleme ein. Senatorin Scheeres fordert lückenlose Aufklärung

Das Berliner Universitätsklinikum Charité ist wenige Wochen nach dem viel kritisierten Umgang mit dem Ausbruch von Keimen auf der Frühgeborenenstation erneut in Erklärungsnot wegen seiner Kommunikationspolitik.

Vergangene Woche wurde auf der Kinderrettungsstelle des Campus Virchow eine 16-jährige Patientin von einem Pfleger sexuell missbraucht. Die Klinik informierte weder die Öffentlichkeit noch die Staatsanwaltschaft, erst nachdem das Verbrechen in einem Zeitungsbericht öffentlich wurde und die Staatsanwaltschaft daraufhin Ermittlungen aufnahm, äußerte sich die Klinik. Auch der Charité-Vorstand Karl Max Einhäupl erfuhr nach eigenen Angaben erst am Dienstagmittag von dem schwerwiegenden Vorfall.

Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), Aufsichtsratschefin der Charité, reagierte empört, zumal sie im Kontrollgremium noch am Freitag über eine neue Kommunikation in der Charité beraten hatte. Sie fordert lückenlose Aufklärung: „Ich gehe davon aus, dass dann deutliche Konsequenzen gezogen werden müssen, gegebenenfalls auch personelle.“

Nach Schilderungen der Pflegeleitung war das Mädchen am frühen Mittwochmorgen des 14. November in die Rettungsstelle gekommen. Drei Minuten sei es mit dem Pfleger alleine gewesen. In dieser Zeit kam es zu sexuellen Übergriffen, die juristisch den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllen. Eine ärztliche Untersuchung hat aber keine körperlichen Schäden ergeben.

Das Mädchen offenbarte sich ihren Eltern. Diese suchten am Mittwochmittag das Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Dabei seien die Eltern darauf hingewiesen worden, dass sie selber Anzeige gegen den Pfleger erstatten könnten, sagte der stellvertretende Pflegedienstchef Helmut Schiffer. Der betreffende Pfleger, der seit 40 Jahren an der Charité arbeitet, wurde per Boten und telefonisch vom Dienst suspendiert. Das Vertrauen der Eltern habe dadurch so weit wieder hergestellt werden können, dass sie ihre Tochter eine weitere Nacht in der Klinik ließen. Am Donnerstag wurde das Mädchen dann entlassen.

Der Vorgang sei dann intern untersucht worden, hieß es vonseiten der Charité. Man habe schließlich auch eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Mitarbeiter. Interne Recherchen unter Kollegen hätten jedoch ergeben, dass es schon früher Verdachtsfälle auf sexuelle Übergriffe gegen den Mann gegeben habe. Inzwischen seien drei Fälle identifiziert, die mehr als fünf Jahre zurücklägen. Aktenkundig sei der Mann aber nie geworden. Die damalige Pflegeleitung sei nicht mehr im Haus, soll aber zu den Vorgängen befragt werden. Man sei dabei, andere Patienten ausfindig zu machen, die möglicherweise auch Opfer des Pflegers geworden sein könnten. „Wir haben keinen Anlass, an den Aussagen des Mädchens zu zweifeln,“ sagte Einhäupl. Der Mann werde nie mehr an der Charité arbeiten. Mit den Eltern des Opfers hatte die Klinik aber bis Mittwochabend keinen Kontakt.

Warum die Charité mit einer Anzeige so lange wartete, bis ihnen eine Zeitung zuvorkam, konnte Einhäupl nicht recht erklären. Am Freitag vergangener Woche habe der ärztliche Direktor Ulrich Frei erwogen, am Wochenanfang Anzeige zu erstatten, sagte der Charité-Chef, der nach eigener Aussage aber zu dieser Zeit nichts von dem Missbrauchsfall gewusst hatte. Einhäupl kündigte an, die Charité werde ihre interne Kommunikation vom Kopf auf die Füße stellen, damit sich solche Vorgänge nicht wiederholen. Die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Elisabeth Pott, hat an Krankenhäuser appelliert, besser vorzusorgen. Es sei möglichst zu vermeiden, dass ein Patient mit einem Klinikmitarbeiter in einem Raum alleine sei, sagte sie am Mittwoch in Berlin.