Stadtplanung

Wohnungsnot: Berlin braucht mehr Neubauten

BBU-Vorsitzende fordert 450 Millionen Euro für innerstädtische Bauprogramme und eine bessere personelle Ausstattung der Ämter

In der Berliner Innenstadt sind freie Wohnungen bereits heute knapp. Angesichts des starken Zuzugs von Menschen aus dem In- und Ausland in die Hauptstadt mahnt Maren Kern, Chefin des Verbandes der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU), ein groß angelegtes Neubauprogramm des rot-schwarzen Senats an. Die im Regierungsprogramm vereinbarten 30.000 Wohnungen in dieser Legislaturperiode seien viel zu wenig. „Es müssten doppelt so viele sein“, sagte Kern. Berlin müsste bereit sein, wieder in den Neubau zu investieren. 450 Millionen Euro in den kommenden zehn Jahren seien dafür erforderlich, so Kern weiter. Die Kosten für Bauland seien darin noch nicht enthalten.

Nach Auffassung der BBU-Verbandschefin zeichne sich in Berlin schon heute ein Mangel an frei verfügbaren Wohnungen ab. „Steuern wir nicht schnell dagegen, erwächst daraus in zwei bis drei Jahren ein Mietenproblem“, so Kern. Denn die Angebotsverknappung führe unweigerlich zum Anstieg der Mieten. Vor zwölf Jahren hätten in Berlin noch gut sechs Prozent der Wohnungen der im BBU vertretenen Unternehmen leer gestanden. In diesem Jahr ist die Leerstandsquote auf 2,6 Prozent gesunken. Nach Schätzungen von Kern wird sie 2013 weiter sinken auf dann nur noch 2,3 Prozent. In besonders nachgefragten Innenstadtbezirken wie Charlottenburg-Wilmersdorf sei schon heute kaum noch eine Wohnung frei, die Quote liege aktuell bei 1,2 Prozent.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verweist darauf, dass die Zahl der Baugenehmigungen in den ersten neun Monaten dieses Jahres um knapp 20 Prozent auf 6708 angestiegen sei. Allerdings ist der Großteil der Neubauten im hochpreisigen Eigentumsbereich angesiedelt. Deshalb wird sich nach Einschätzung von Wohnungsexperten im Segment der kleinen und preiswerten Wohnungen wenig ändern, das Angebot wird in diesem Bereich knapper.

Angesichts dieser Entwicklung besteht für den BBU kein Zweifel: „Für Berlin ist die Zeit eines Neubauprogramms gekommen.“ Notwendig seien Entscheidungen zur Neuausrichtung der Liegenschaftspolitik und bessere personelle Ausstattung der Bauplanungsämter in den Bezirken.

Hintergrund der Forderungen ist die deutlich nach oben korrigierte Bevölkerungsprognose für Berlin, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in diesem Monat vorstellen wird. Demnach soll die Einwohnerzahl bis 2030 um 250.000 auf 3,75 Millionen Menschen steigen. „Diese Zahlen allein belegen einen Mehrbedarf von 150.000 Wohnungen bis 2030“, so Kern. Dabei sei der Trend zu Haushaltsverkleinerungen in dieser Bedarfsprognose noch gar nicht enthalten. Immer mehr Menschen in Berlin wohnen aber in Single-Haushalten.

Von der Politik fordert die Wohnungswirtschaft zudem „mehr Mut und mehr Standhaftigkeit“, um auch wieder großflächigen Wohnungsneubau in der Stadt zu ermöglichen. „Es reicht nicht, ein paar Baulücken hier und da zu schließen, wir müssen wieder Großsiedlungen bauen“, so die Verbandschefin weiter. So sollten auf dem Tempelhofer Feld statt der geplanten 4000 bis 5000 Wohnungen besser 10.000 entstehen, auch wenn örtliche Bürgerinitiativen jegliche Bebauung verhindern wollten. Nach der Schließung des Flughafens Tegel könnten dort statt der bislang geplanten 1000 Wohnungen ebenfalls besser 10.000 entstehen.

Auch Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) hat die Frage zunehmender Wohnungsknappheit in Berlin auf seine Agenda gesetzt. Neubau soll unter anderem dadurch forciert werden, dass Berlin landeseigenen Wohnungsgesellschaften günstig Grundstücke aus dem Berliner Liegenschaftsfonds überlässt, damit diese dort auch Wohnungen zu Mieten um sieben Euro pro Quadratmeter bereitstellen können. Das müsse über Mischkalkulation zwischen höheren und niedrigeren Mieten ermöglicht werden, so Müller.

In mehreren deutschen Großstädten sind am Wochenende Tausende Mieter für bezahlbaren Wohnraum auf die Straße gegangen. In Berlin beteiligten sich 450 Menschen an einem Protest unter dem Motto: „Keine Rendite mit der Miete“. In vielen deutschen Großstädten sind die Mieten zuletzt deutlich angestiegen, wie eine Studie des Instituts für Wirtschaftsförderung (DIW) zeigt.