Bildung

Krankheitswelle: Schulleiter warnen vor Lehrermangel in Berlin

Bildungsgewerkschaft geht von 1500 Dauerkranken aus. Scheeres: Personalausstattung ausreichend

Wenige Tage nach den Herbstferien ist die Situation an vielen Berliner Schulen alarmierend. Von den etwa 29.000 Lehrern sind 1300 dauerkrank. Hinzu kommen viele, die sich kurzfristig krankgemeldet haben. Die Folge: Unterricht muss ausfallen oder von fachfremden Lehrern vertreten werden, Arbeitsgemeinschaften, Teilungs- und Förderunterricht können nicht stattfinden. Die Lehrergewerkschaft GEW geht davon aus, dass sich die Zahl der Dauerkranken im November auf mindestens 1500 erhöhen wird. Dann sind auch die Kollegen erfasst, die seit August krank sind.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betont, dass die Schulen durchschnittlich eine hundertprozentige Personalausstattung haben. Die Schulleiter kritisieren jedoch, dass diese Ausstattung zu knapp ist. Sobald sich Kollegen kurzfristig krankmelden würden, entstünden unüberbrückbare Lücken, sagen sie – und fordern eine Vertretungsreserve von zehn Prozent.

Schwierig ist die Lage beispielsweise an der Käthe-Kollwitz-Grundschule in Lichtenrade. Seit Montag müsse viel Unterricht vertreten werden, weil sich mehrere Kollegen krankgemeldet hätten, sagt Schulleiter Ulrich Noffz. „Eine Ausstattung von 100 Prozent nützt mir da gar nichts.“ Meist reiche das nicht einmal, um die Vertretung abzusichern, ganz zu schweigen von Teilungsstunden oder Hochbegabtenförderung, die als Erstes wegfallen würden. Auch Jens Haase, Leiter der Lichterfelde Grundschule an der Bäke, sucht händeringend nach Vertretungskräften. An seiner Schule haben sich durch einen hohen Krankenstand seit August mehr als 150 Minusstunden angesammelt. Im Vertretungspool der Bildungsverwaltung seien jedoch kaum noch ausgebildete Lehrkräfte aufgelistet, sagt Haase. Stephan Zapfe, Leiter der Lichtenrader Carl-Zeiss-Sekundarschule, ist ebenfalls ratlos. „Ich weiß nicht, wie ich die Kollegen entlasten könnte“, sagt er. Die Pädagogen müssten immer mehr leisten, zusätzliche Ressourcen aber gebe es nicht. Besonders schwierig sei die Arbeit mit der äußerst heterogenen Schülerschaft. „Das Spektrum reicht von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf bis zu denen mit einem Leistungsdurchschnitt von 1,0“, sagt Zapfe.

Als Ursache für den hohen Krankenstand geben die Schulleiter eine extreme Belastung der Lehrkräfte an. Sie fordern eine Veränderung des Arbeitszeitmodells für Lehrer. „Ältere Lehrkräfte brauchen dringend eine Stundenermäßigung“, sagt Schulleiter Noffz. Vertreter der Lehrergewerkschaft GEW fordern bereits seit Langem, dass Lehrer, die älter sind als 55 Jahre, fünf Stunden ermäßigt bekommen.

Inzwischen hat auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres den Ernst der Lage erkannt. Gesundheitsmanagement sei ein großes Thema, sagt ihre Sprecherin Beate Stoffers. Im Rahmen eines Pilotvorhabens sei deshalb ein Fragebogen zum Thema „Arbeit und Gesundheit“ entwickelt und im Bezirk Mitte erprobt worden.

Schulleiter Haase macht die Dauerbelastung seiner Kollegen sowie eine hohe Unzufriedenheit am Arbeitsplatz für den hohen Krankenstand verantwortlich. Die Bezahlung sei schlechter als in anderen Bundesländern, die Schülergruppen seien viel zu groß, viele Aufgaben deshalb einfach nicht zu erfüllen. „Das erzeugt Frust, der krank macht“, so Haase.