Auszeichnung

„Lichtstrahl in dunkler Zeit“

Friedensnobelpreis für die EU wird als Ansporn inmitten schwerster Krise gewertet. Barroso: „Wir brauchten gute Neuigkeiten“

Mitten in ihrer bislang schwersten Krise erhält die Europäische Union den Friedensnobelpreis 2012. Die europäische Integration habe dem Kontinent Frieden, Aussöhnung und Demokratie gebracht, erklärte das norwegische Nobelkomitee. Die Entscheidung traf weltweit auf große Zustimmung und wurde vielfach als Ansporn für eine noch tiefere Einigung gewertet.

„Die Europäische Union und ihre Vorläufer haben mehr als sechs Jahrzehnte zur Verbreitung von Frieden und Aussöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen“, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees, Thorbjörn Jagland. Die EU habe geholfen, aus einem „Kontinent des Krieges einen Kontinent des Friedens zu machen“. Insbesondere der jahrzehntelangen Feindschaft Frankreichs und Deutschlands sei ein Ende bereitet worden, erklärte das Nobelkomitee. „Seit 1945 ist die Aussöhnung eine Realität geworden“, ein Krieg der beiden Staaten sei heute „undenkbar“.

Die europäische Einigung habe auch geholfen, in Spanien, Portugal und Griechenland nach Ende der Militärdiktaturen die Demokratie zu stärken, erklärte das Nobelkomitee. Einen weiteren Beitrag zum Frieden habe die Osterweiterung der EU nach dem Zusammenbruch des Ostblocks geleistet. Heute sporne die Aussicht auf einen EU-Beitritt Staaten wie Kroatien, Serbien, Montenegro und die Türkei zur Stärkung ihrer Demokratie an.

EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärten, der Preis sei „die größtmögliche Anerkennung für die tiefen politischen Motive hinter der Union“. Sie lobten die „einzigartige Anstrengung von immer mehr europäischen Ländern zur Überwindung von Krieg und Teilung, um gemeinsam einen Kontinent von Frieden und Wohlstand zu schaffen“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erkannte in der Auszeichnung eine Ermutigung in Zeiten der Krise: „Der Euro ist deshalb mehr als eine Währung, weil es am Ende immer und zuerst um die ursprüngliche Idee geht, die Idee Europas als einer Friedens- und Wertegemeinschaft.“

Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte: „Diese schöne und verdiente Auszeichnung macht deutlich, dass die Europäische Union weit mehr ist als ein großer Markt, mehr als eine Verwaltung und auch mehr als eine gemeinsame Währung: Sie ist vor allem eines der größten, eindrucksvollsten und erfolgreichsten Friedensprojekte in der Geschichte der Menschheit.“

Auch Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) nannte den Friedensnobelpreis einen Antrieb, „an einem immer engeren Miteinander auf unserem Kontinent festzuhalten und Europa trotz mancher noch zu überwindender Schwierigkeiten und Probleme weiter auszubauen“. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher sprach von einem deutlichen Signal an diejenigen in Europa, die unter Hinweis auf vermeintlich nationale Interessen das europäische Einigungswerk gefährdeten.

Kritik kam von der russischen Menschenrechtsaktivistin Ljudmila Alexejewa, die als Preisträgerin gehandelt worden war. Die EU sei „eine riesige, ziemlich bürokratische Organisation“.