Ermittlungen

Baby misshandelt: Schwere Vorwürfe gegen Wohnprojekt

Stadtrat sieht Fehlverhalten bei Trägerverein. Jugendsenatorin fordert lückenlose Aufklärung

Das schwer misshandelte sieben Monate alte Mädchen aus dem Schöneberger Wohnprojekt ist hirntot. Das erfuhr die Berliner Morgenpost aus Justizkreisen. Demnach seien die Hirnverletzungen so schwerwiegend, dass die behandelnden Ärzte im Neuköllner Krankenhaus die lebenserhaltenden Maßnahmen beenden und die dafür notwendigen Geräte abschalten wollen.

Wie berichtet steht der 17 Jahre alte Vater des kleinen Mädchens in Verdacht, es durch heftiges Schütteln schwer verletzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte nach Bekanntwerden der Tragödie einen Haftbefehl gegen den Jugendlichen beantragt, ein Richter setzte den Beschuldigten allerdings auf freien Fuß – weil er erst 17 Jahre alt ist und einen festen Wohnsitz hat. Innerhalb der Justiz ist diese Entscheidung umstritten.

Indes hat Berlins Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine lückenlose Aufklärung des Falls gefordert. Die Einrichtungsaufsicht des Landesjugendamts wird die Vorgänge genau überprüfen, um zu sehen, ob hier vonseiten des Trägers alle Standards eingehalten worden sind, heißt es in der Senatsverwaltung. Falls nötig, würden die Konsequenzen gezogen. Belastend könnten sich nach Informationen dieser Zeitung die eigenen Notizen der Betreuer auswirken – sie sollen regelmäßig Protokolle über den Aufenthalt der 18 Jahre alten Mutter und des Kindes verfasst haben, in denen sich auch Berichte über entdeckte Misshandlungsspuren wiederfinden sollen. Aus Kreisen der Staatsanwaltschaft verlautete, dass sich dort auch Hinweise auf Hämatome an Hals und Kopf des Kindes finden sollen. Drei Wochen vor dem Tattag – dem 5. September – sollen sich Indizien auf körperliche Übergriffe gemehrt haben.

Das Jugendamt Neukölln erhielt nach eigenen Angaben erst am 29. August per Fax die Information, dass die Betreuer blaue Flecken bei dem Kind festgestellt haben. Daraufhin habe es die Absprache mit dem Träger gegeben, dass das Kind einmal täglich von einem Betreuer gesehen werden soll und mindestens zwei Mal wöchentlich unbekleidet in Augenschein genommen werden soll, etwa beim Baden oder Umkleiden. Zudem sollte der Vater nicht allein mit dem Kind und auch nicht über Nacht in der Wohnung bleiben, so der zuständige Stadtrat Falko Liecke (CDU).

Der Neuköllner Jugendstadtrat sieht ein Fehlverhalten vor allem beim Träger. „Die Meldekette wurde vom Träger nicht eingehalten“, so Liecke. Das Jugendamt hätte eher von den blauen Flecken erfahren müssen. Zudem habe der Träger nicht sichergestellt, dass der Vater nicht allein mit dem Kind ist. Das Vertrauen in den Träger sei erschüttert. Vorerst werde es vom Jugendamt Neukölln dort keine weiteren Unterbringungen geben. Jedoch werde auch weiterhin geprüft, ob es Fehler in diesem Fall bei den zuständigen Mitarbeitern des Jugendamts gegeben hat. „Bei der Schwere dieses Falles sind die Überprüfungen aller Abläufe selbstverständlich“, sagt Stadtrat Liecke.