Karaseks Woche

Die Kanzlerin-Demokratie

Hellmuth Karasek über Weiterwursteln der Koalition

Man fasst sich an den Kopf: Aus dem Urlaub zurück, unsanft in der Wirklichkeit des deutschen Herbstes 2012 gelandet - wenn man denn überhaupt landen, ankommen kann, von Flughafendesastern und Lufthansa-Streiks bedroht wie von Staus und wetterbedingten Zugausfällen -, erfährt man: Wären jetzt Wahlen, dann hätte die jetzige vor sich hin wurstelnde schwarz-gelbe Bundesregierung mit 44 Prozent erstmals wieder eine klare Mehrheit vor Rot-Grün. Wie bitte?

Eine Regierung, die ein Bild der Fehlleistungen und Streitereien bietet, könnte die Wahl gewinnen? 39 Prozent hätten CDU/CSU, fünf Prozent die FDP, während die SPD auf 26 Prozent zurückfiele, die Grünen auf zwölf. Klar, das kann man sich mit den lächerlichen Schauspielen erklären, die die SPD-Troika bei der Wahl ihres Kanzlerkandidaten, den sie gar nicht wird stellen können, liefert. Und auch die Grünen kochen nur noch im eigenen Saft der Eitelkeiten und Rivalitäten. Also die beiden wird sich die Kanzlerin, je nach Gusto, für eine Regierung abpflücken und ins Knopfloch stecken können, wenn es denn mit der FDP doch nicht reichen sollte, weil die an ihren notorischen Verlierern festhält.

Aber was hat Schwarz-Gelb zu bieten, außer einem traurigen Erscheinungsbild und einer mit geschmeidiger Hartnäckigkeit durch die Euro-Krise schlitternden Kanzlerin als Herrin der Weltbühne? Eigentlich nichts. Eine verrannte Energiewende mit steigenden Energiekosten, einen Dauerstammtisch zwischen CSU und FDP und der Kanzlerin um Griechenlands Rein oder Raus.

Gertrud Höhler hat in ihrer hasserfüllten Wut auf Angela Merkel in einem schon recht. Die Kanzlerin zieht ihr Ding durch, außenpolitisch als Eiserne Lady und Reisediplomatin in deutscher Sache (ganz ohne Westerwelle), innenpolitisch, indem sie alles laufen lässt: Mögen sich die Buben und Mädels in Muttis Küchenkabinett doch kabbeln und streiten - solange es uns dabei noch so gold geht, umso besser.

Man nennt das Kanzler-Demokratie statt parlamentarische Demokratie. Das klappte bei Patriarchen wie Adenauer und Kohl gut. Merkel, so scheint es, setzt als Matriarchin das Tüpfelchen auf dieses i.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost