Geschichte

Honeckers heimlicher Traum

SED-Chef wollte offenbar Deutschland vereinigen - mit Oskar Lafontaine

- Männerfreundschaften können wertvoll sein. Ohne Michail Gorbatschow wäre es Helmut Kohl 1990 kaum gelungen, die Wiedervereinigung zustande zu bringen. So blieb dem Land eine andere Beziehungskiste erspart. Denn möglicherweise setzte DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker Ende der 80er-Jahre auf sein Vertrauensverhältnis zum damaligen stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, um seinen Traum zu verwirklichen: eine gleichberechtigte deutsch-deutsche Konföderation.

Darüber jedenfalls spekuliert der renommierte Potsdamer Historiker Martin Sabrow anlässlich von Honeckers 100. Geburtstag am Sonnabend. Was hergeholt klingt, ist durchaus begründet. Denn tatsächlich hatten die beiden gebürtigen Saarländer eine ähnliche, nämlich sozialistische und antiamerikanische Weltsicht. Ab 1988 galt Lafontaine als kommender Kanzlerkandidat der SPD, und angesichts der Schwäche des CDU-Amtsinhabers Kohl konnte er auf einen Sieg bei der Bundestagswahl 1990 hoffen.

Dann hätten in beiden deutschen Staaten Saarländer an der Spitze gestanden, die sich zudem ausgesprochen gut verstanden: Kein Westpolitiker hat Honecker so oft getroffen wie Lafontaine, wenn man von DKP-Chef Herbert Mies absieht. Vielleicht um diesen Traum einer Konföderation zu verwirklichen, klammerte sich Honecker an die Macht in der DDR, bis ihn friedliche Demonstranten aus dem Amt trieben. Honeckers (Alb-)Traum, von dem nicht sicher ist, ob Lafontaine ihn kannte, blieb dem Land erspart.