Karaseks Woche

Von Beruf Nervensäge

Karasek erklärt Bayerns CSU-Chef Horst Seehofer

Jetzt, da die Abgeordneten nach Verabschiedung des Rettungsschirms für Spanien wieder blitzschnell in den Urlaub geflüchtet sind, unter die Sonnenschirme Mallorcas, der Costa del Sol und der Costa Brava, um uns im Regen stehen zu lassen, bleibt nur Seehofer, weil Bayern noch keine Schulferien hat.

Der bayrische Ministerpräsident hat deshalb kurz noch mal auf die Pauke gehauen. Er hat angekündigt, dass Bayern zusammen mit den anderen Geber-Bundesländern vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Länder-Finanzausgleich klagen will. Notfalls auch alleine. Bayern zahlt am meisten, nämlich 3,7 Milliarden, Berlin bekommt am meisten, nämlich gut 3 Milliarden. Aber keine Angst. Mit der Klage ist das wie mit dem Sommerloch. Wo kein Sommer auch kein Loch. Bayerns Klage wird erst 2014 entschieden werden, wenn überhaupt.

Warum macht das Seehofer dann überhaupt? Weil er ein Politiker ist, und weil Politiker auch Menschen sind. Menschen wollen ihren Job nicht verlieren, Politiker erst recht nicht. Politiker müssen sich wählen lassen. Das ist bitter. Seehofer ist aber besonders menschlich, er will behalten, was er hat, und bleiben, was er ist. Von Beruf ist er, um Ministerpräsident zu bleiben, Nervensäge. Wie übrigens Sigmar Gabriel auch. Beide nerven ohne Unterlass, weil sie denken, nur so im Amt bleiben zu können. Gabriel ätzt gegen Merkel, den Rettungsschirm, ihre Euro-Politik, alles kommt für ihn zu spät oder zu früh, zu zögerlich oder zu drakonisch, ist falsch oder zumindest im Zeitpunkt falsch. Trotzdem stimmt er immer brav für den Rettungsschirm, für Merkel, für alles, was sie dem Euro in seinen Augen Schreckliches antut. Auch er fürchtet die Wahlen. Auch Seehofer droht Merkel pausenlos mit dem Bruch der Koalition, beschimpft die FDP, Nervenlaubsägearbeit eben.

Seehofer kann rechnen. Seine CSU hat 45 Prozent, eher etwas weniger, sein Koalitionspartner FDP hat fünf Prozent, auch eher etwas weniger. Also kann Seehofer 2013 in Bayern nur weiter regieren, wenn a) er über 50 Prozent macht oder b) die FDP mindestens fünf. Also wettert er gegen den Länderausgleich und gegen Berlin, das bayrisches Geld verprasst, und dabei fällt ihm ein, dass Bayern auch noch einen FDP-Wirtschaftsminister hat, dem könnte die Klage vielleicht auch für fünf Prozent guttun, und dann wäre alles paletti. Und was wird aus der Klage? Das ist Seehofer sch... egal. Denn die Klage ist, wie gesagt, 2014, und Bayern wählt 2013. Und 2014? Schaun mer mal.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost