Personalmangel

Kinderschutz: Berliner Bezirke fühlen sich überfordert

Gesundheitsdienste schaffen nicht alle notwendigen Hausbesuche und fordern mehr Personal

- In Berlin nehmen inzwischen mehr Familien an den Vorsorgeuntersuchungen für Kinder in den ersten sechs Lebensjahren teil, als noch vor zwei Jahren. Die Teilnehmerrate erhöhte sich bei den einzelnen Untersuchungen um durchschnittlich zwei bis drei Prozent. Laut Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) ist das der Erfolg der Arbeit der Zentralen Stelle für Einladungs- und Rückmeldewesen, die 2010 im Rahmen des Kinderschutzgesetzes an der Charité eingerichtet worden ist. Die Bezirke klagen allerdings über die zusätzliche Belastung.

In den vergangenen zwei Jahren mussten die Mitarbeiter dieses Zentrums 141.000 Mahnungen an Eltern verschicken, die Vorsorgeuntersuchungen ihrer Kinder versäumt hatten. Durchgeführt wurden knapp 300.000 Vorsorgeuntersuchungen. Darüber hinaus meldeten die Mitarbeiter der Zentralen Stelle knapp 70.000 Familien, die sich trotz der Einladung nicht beim Kinderarzt vorgestellt haben, an die Kinder- und Jugendgesundheitsdienste (KJGD) der Bezirke. Diese nahmen dann Kontakt zu den Familien auf. Teilweise reichte eine telefonische Beratung. In mehr als 6000 Fällen wurden jedoch allein im vergangenen Jahr Hausbesuche nötig. In neun Fällen konnte dabei eine Kindeswohlgefährdung festgestellt werden.

Spitzenreiter bei den Hausbesuchen ist Neukölln (983), gefolgt von Mitte (958) und Lichtenberg (858). Die wenigsten Hausbesuche mussten die Mitarbeiter den Angaben zufolge in Steglitz-Zehlendorf (184) machen.

Während sowohl Jugendsenatorin Sandra Scheeres als auch Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) betonten, dass die Ergebnisse den Arbeitsaufwand der Zentralen Stelle rechtfertigen würden und das Einlade- und Rückmeldeprinzip sich als Teil des Kinderschutzes etabliert habe, sind Leiter der Kinder- und Jugendgesundheitsdienste der Bezirke vor allem skeptisch.

Für Matthias Brockstedt, ärztlicher Leiter des KJGD Mitte, ist das Einladewesen ein "riesiger bürokratischer Aufwand mit wenig Effekt für den Kinderschutz." Er beklagte, dass der Gesundheitsdienst viel zu wenige Mitarbeiter habe, um die Hausbesuche durchführen zu können. "Wir haben nur eine Sozialarbeiterin, die diese Hausbesuche machen soll. Sie schafft höchstens 500 Besuche im Jahr. Das sind weit weniger Besuche, als notwendig wären", sagte Brockstedt. Hinzu käme, dass Bezirke mit einer hohen Geburtenrate und vielen sozialen Brennpunkten sich um besonders viele Eltern kümmern müssten. "Diese Bezirke, zu denen auch Mitte gehört, müssen deshalb deutlich besser mit Personal ausgestattet werden", forderte Brockstedt.

Ähnlich sieht das sein Kollege in Neukölln, Andreas Zintel. Er plädierte sogar dafür, das verbindliche Einladewesen wieder abzuschaffen. Es hätte zwar durchaus einen indirekten positiven Effekt. "Flächendeckende Ersthausbesuche sind aber viel effektiver für den Kinderschutz", sagte er. Auch Zintel forderte mehr Personal für den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst seines Bezirks. "Wir müssen ganz frühe Hilfen etablieren, so früh wie möglich Kontakt zu Schwangeren aufnehmen."

Jugendsenatorin Scheeres räumte ein, dass die Gesundheitsdienste der Bezirke durch das Einladewesen mehr beansprucht würden als die Jugendämter. "Wir haben deshalb vor, Personal umzuschichten", kündigte sie an.

Die "Zentrale Stelle für das Einladungs- und Rückmeldewesen" gehört zum Berliner Netzwerk Kinder- und Jugendschutz, das im Jahr 2009 ins Leben gerufen wurde. Damals gab es besonders viele Fälle von Kindesvernachlässigung. Seit 2010 übermitteln Kinderärzte diesem Zentrum an der Charité, welche Kinder an den Früherkennungsuntersuchungen teilgenommen haben. Durch Abgleich mit den Daten des Berliner Melderegisters lässt sich den Angaben zufolge feststellen, welche Kinder nicht bei einer Untersuchung waren.