Karaseks Woche

Sie wollen doch nur spielen

Hellmuth Karasek über Völker-Fußball

Fußball ist im Grunde genommen die friedlichste Hauptsache der Welt. Alle wollen "doch nur spielen". Damit sie sich dabei nicht durch Ellbogenkantenschläge, Tritte auf den Fuß, gestreckte Beine und feindliche Körperkontakte zu sehr bedrängen, gibt es Schiedsrichter und Linienrichter und neuerdings auch Tor-Richter, die entscheiden, ob ein Ball im Tor ist. Als Gastgeber England bei der WM 1966 im Finale gegen Deutschland das umstrittene "Wembley-Tor" zuerkannt wurde (Bundespräsident Lübke urteilte salomonisch: "Der Ball war drin"), sanken die Beziehungen zwischen beiden Ländern fußballtechnisch gesehen auf einen Nullpunkt. Die einzige wirklich kriegerische Auseinandersetzung um den Fußball war der Krieg zwischen El Salvador und Honduras, der am 14. Juli 1969 ausbrach und völkerrechtlich erst am 30. Oktober 1980 mit einem Friedensabkommen beendet wurde.

Manche Siege und Niederlagen brennen lange im Gedächtnis der Nationen - so, dass Österreich bei der WM 1978 in der argentinischen Stadt Córdoba in einer Stunde der Schmach 3:2 gegen Deutschland gewann. Seit der Zeit gibt es im 21. Bezirk in Wien-Floridsdorf den Córdobaplatz, der an die Edi-Finger-Straße grenzt: Edi Finger hatte das Spiel für das österreichische Radio damals live kommentiert.

So ist Fußball kurzzeitig und nachhaltig zugleich. Zurzeit leben wir in der Euro-Krise, und die Gegner unserer Mannschaft heißen möglicherweise Italien, im Finale Portugal oder Spanien, je nachdem, bis zum bitteren oder glücklichen Ende. Da die Kanzlerin Fußballfan ist und die kernigen Nationalkrieger nicht nur gern in der Umkleidekabine besucht, sondern auch bei offener Schlacht bejubelt, kann das für Deutschland teuer werden. Die vier Tore gegen die Griechen können uns Milliarden für den Rettungsschirm kosten.

Im Übrigen, was das Erkennen des Tors anlangt: Ich war 1982/83 beim HSV im Volksparkstadion, im Halbfinale gegen San Sebastián, bevor der HSV seinen größten Triumph in Athen ereichte - den Pokal der Landesmeister gegen Juventus Turin. In der Pause ging ich, Fußball ist ja ein Leistungssport, für mich und Freunde ein Bier holen. Die Schlange war lang. Als ich zurückkam, hatte das Spiel schon wieder begonnen und der HSV das 1:0 geschossen. Als ich das wehklagend einem Kumpel hinter mir erklärte, fiel, während ich mich zu ihm umdrehte, der Ausgleich. Alles ohne Stadionbildschirm, ohne Handy-Wiederholung und auch ohne Tor-Richter.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost