Mordanschlag

Rocker niedergeschossen: Polizei sieht Machtkampf bei Hells Angels

Ex-Präsident der Nomads lebensgefährlich verletzt - Ermittler sprechen von "Kriegserklärung"

- Der Rockerkonflikt in der Hauptstadt ist in der Nacht zum Sonntag eskaliert: Ein Unbekannter hat ein führendes Mitglied der Hells Angels in Neu-Hohenschönhausen niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. André S. (47) wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, es war zunächst unklar, ob er die schweren Schussverletzungen überleben wird. S. war bis vor Kurzem Präsident der Hells Angels Nomads, die sich aber kürzlich aufgelöst hatten, um einem Verbot durch die Sicherheitsbehörden zu entgehen. Die Gruppierung wollte sich ursprünglich mit den inzwischen verbotenen Hells Angels Berlin City neu formieren.

Die Rockerproblematik wird heute auch in der Sitzung des Innenausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus auf der Tagesordnung stehen, weil kürzlich ein Großeinsatz gegen die Hells Angels Nomads verraten worden war. Dort müssen Innensenator Frank Henkel (CDU) und die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers erklären, wie sie künftig verhindern wollen, dass Einsätze der Polizei an die Rockerszene weitergegeben werden.

Gegen 3 Uhr hatten Passanten mehrere Schüsse an der Zingster Straße gehört und die Notrufnummer gewählt. Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr fanden André S. in einer Blutlache neben seiner Harley Davidson. Der Rocker hatte kurz zuvor seinen Klub "Germanenhof" verlassen. Ersten Erkenntnissen nach müssen sich Täter und Opfer kennen, nach Zeugenaussagen soll der Rockerchef kurz vor den Schüssen noch gesagt haben: "Was machst du denn hier?" Mehrere Kugeln trafen den 47-Jährigen in den Oberkörper, mindestens eine soll die Herzregion verletzt haben. Eine Notarztwagenbesatzung brachte S. unter Polizeischutz in die Charité. Bewaffnete Einheiten bewachen dort den Schwerstverletzten.

Bis vor Kurzem wäre für einen solchen Anschlag nur ein Angehöriger oder Beauftragter der verfeindeten Bandidos infrage gekommen, wegen der zu erwartenden Neustrukturierung gehen Ermittler nach Informationen der Berliner Morgenpost aber eher von einem Machtkampf innerhalb der Hells Angels aus. "Die Höllenengel unter Kadir P. und André S. wollten sehr bald die neue Gruppierung Hells Angels East District verkünden. Mit der Verteilung der Posten innerhalb dieser Struktur gehen natürlich auch Machtkämpfe einher", so ein Ermittler.

Beim Landeskriminalamt wäre offenbar niemand überrascht, wenn der Täter aus den Reihen der Hells Angels stammt. "Deswegen ist André S. in Lebensgefahr, denn er hat allem Anschein nach den Täter erkannt. Sollte er die nächsten Tage überstehen, wird es für den Schützen eng", so der Ermittler weiter. Die Szene werde genau beobachtet, die Polizei habe ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft, man sei auf "Racheakte und für die Gefahrenabwehr vorbereitet".

Bei der Polizei geht man davon aus, dass dieser Anschlag, der einer versuchten Hinrichtung gleichkommt, nicht ohne Folgen bleiben wird. "Es gab bisher keinen Fall, bei dem der Präsident eines Rockerclubs so gezielt angegriffen worden ist", heißt es. Eine solche Kriegserklärung werde in jedem Fall angenommen, auch klubintern.

Innensenator Henkel wollte sich nicht an Spekulationen über die Hintergründe der Tat beteiligen. Er machte dennoch deutlich: "Wir werden mit unseren Bemühungen nicht nachlassen, diese Szene zu verunsichern und unter Druck zu setzen. Kriminelle Rocker sollen nicht glauben, dass sie in Berlin ungestört ihren Geschäften nachgehen können." Es handele sich um organisierte Kriminalität, die mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werde. Der innenpolitische Sprecher der Berliner SPD, Thomas Kleineidam, beobachtet die Entwicklung mit Sorge. "Hier scheint etwas zu eskalieren. Diese neuen Entwicklungen sind für mich die Bestätigung dafür, dass die konsequenten Aktionen der Berliner Polizei der letzten Zeit richtig waren."

Ähnlich äußert sich die Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP): "Diese sogenannten Rocker sind Berufsverbrecher, und diese Klubs nichts weiter als Berufsverbrechersyndikate", sagte Landesgeschäftsführer Klaus Eisenreich. "Hier haben sich Bandenkriege entwickeln können, weil in der Vergangenheit zu tatenlos zugesehen wurde, während sich diese Klubs etablierten. Die Rocker sind eine Gefahr für Staat und Gesellschaft", so Eisenreich weiter.