Karaseks Woche

Vor dem Spiel ist nach dem Spiel

Hellmuth Karasek über Fußballer-Nächte

Leise schlich ich wie auf Eiern/ Mich aus Liebchens Paradies,/ Wo ich hinter dichten Schleiern/ Meine besten Kräfte ließ."

"Morgenstimmung" heißt das Gedicht von Frank Wedekind, von dem man weiß, dass er alles erprobend praktizierte, was er besang.

Vielleicht war die Stimmung des deutschen Fußball-Abwehrspielers Jerome Boateng ähnlich traurig, als er frühmorgens aus einem Berliner Hotel zum EM-Abflug taperte, nachdem er sich, so weiß es die ganze Nation, mit dem Nacktmodel Gina-Lisa auf harte Tage vorbereitet hatte. Der deutsche Nationaltrainer Löw war "not amused" über die Spielmoral und zeigte sich "extrem enttäuscht". Passenderweise nahm er sich den Nationalverteidiger zur Brust und sagte ihm: "Mir hat nicht gefallen, was da passiert ist." Ich weiß nicht, ob Boateng geantwortet hat: "Mir schon."

Jedenfalls sah Jogi Löw sein Vertrauen missbraucht. Er hatte seinem Nationalspieler ein letztes Wochenende geschenkt, um für die EM Kraft zu tanken. Man könnte nun sagen, dass Wedekinds poetische Aussage gegen Boateng und für Löw spricht. Danach sind die besten Kräfte futsch, wenn man auf diese Weise vor dem Spiel angreift, statt im Spiel zu verteidigen. Löw hat dem Nationalspieler eine Aufgabe gestellt: "Er muss in der Lage sein, sich in den nächsten Wochen zu zerreißen."

Nun ist das mit der Enthaltsamkeit von Leistungssportlern vor großen Spielen so ein Ding. Wie es die Witzpointe weiß: Die einen sagen so, die anderen so. Und in Löws EM-Programm ist neben Essen, Trinken, Schlafen der Kasernenbesuch durch die Fußball-Bräute nach dem Spiel durchaus vorgesehen.

Nach dem Spiel! Vielleicht hat Boateng die alte Fußball-Weisheit verinnerlicht: "Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Und nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Und ob er bei Gina-Lisa nur Kraft verloren hat und nicht doch auch zumindest seelisch Siegerlaune aufgetankt hat, ist nicht auszumachen.

Klar jedoch ist, dass wir alle, wenn die Öffentlichkeit nur will, gläserne Menschen sind. Durchsichtig wie ein dünner Schleier. Glücklicher Wedekind, der sich noch leise, wie auf Eiern, aus dem Paradies schleichen konnte und dabei unbemerkt blieb.

Wer weiß, ob Boateng nicht noch dafür bezahlen muss. Gegen Portugal hat es ja geklappt. Aber es folgen noch mehr Rivalen. Wenn das schiefgeht, dann kann man später alles Boateng in die voreilig ausgezogenen Fußballschuhe schieben.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost