Karaseks Woche

Wahlrecht für Hunde

Hellmuth Karasek über tierische Philosophie

Letzte Woche bin ich wegen Pfingsten in die Menagerie der Fabeltiere zu Reineke Fuchs und Genossen abgestiegen, als da sind: Lamm, Löwe, Esel und Wolf. Alles Tiere mit menschlichem Empfinden und Fühlen, ja, leider auch mit menschlicher Bosheit und Schlechtigkeit.

Diesmal muss ich noch tiefer ins Tierreich hinabsteigen, mit Ringelnatz: In Hamburg lebten zwei Ameisen / Die wollten von Hamburg nach Australien reisen. / Auf der Altonaer Chaussee / Da taten ihnen die Beine weh. / Und so verzichteten sie weise / Auf den zweiten Teil der Reise.

Es sind nur Insekten, und trotzdem haben sie Gefühle und Einsichten wie wir. Das Wort "weise" drückt aus, wie klug es ist, von der Reiseveranstaltung zurückzutreten.

Carolyn Christov-Bakargiev, von der seltenen zoologischen Gattung der Documenta-Chefinnen, Leiterin der nur alle fünf Jahre stattfindenden größten deutschen Kunstausstellung, stellt Tiermanifestationen als Werke nicht menschlicher Produzenten aus. Die entschlossene Feministin outet sich als Tieristin. Sie will ein Wahlrecht nicht nur für Hunde, sondern, man staune, auch für Erdbeeren. Kurz: Sie hat eine Vollmeise.

Warum sollen Hunde wie Frauen wählen dürfen?, fragt die "Süddeutsche Zeitung" die neue Documenta-Leiterin konsterniert. Sie antwortet: "Warum nicht? Gehört die Welt weniger den Hunden als den Frauen? ... Es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen Frauen und Hunden oder zwischen Männern und Hunden ... Ich denke, alles hat seine Kultur. Die kulturelle Produktion der Tomatenpflanze ist die Tomate."

Früher hätte ich respektlos gefragt, ob die Künstlerin Tomaten auf den Augen hat.

Mich erinnert ihre Weltsicht an die Geschichte von dem Mann, der mit einer Kröte auf dem Kopf zum Arzt kommt. "Wie ist denn das passiert?", fragt der Arzt. Antwortet die Kröte: "Den hab ich mir eingetreten."

Während wir gerade diskutieren, ob die Fußball-EM in der Ukraine und Polen nicht zu politischen Manifestationen geradezu aufrufe, stellt sie auch hier Klarheit her: "Nicht der Fußballer ist das Subjekt, der Ball entscheidet die Richtung, in die er fliegt." Das hat sich Arjen Robben sicher auch gesagt, als er zwei entscheidende Elfmeter für Bayern München in den Sand gesetzt hatte. Aus München wurde "Vizekusen".

Darf man sprachlich gesehen, oder auch philosophisch, zwei Elfer in den Sand setzen? Fragen wir den Sand. Oder die Sandflöhe.

Und um ein letztes Mal die Documenta-Chefin zu zitieren: "Auch Hunde denken. Wir zeigen einen Garten für Schmetterlinge. Der soll den Schmetterlingen gefallen, nicht den Menschen." In Kassel weiß man also künftig, warum uns die Schmetterlinge in den Bauch fliegen und wo der Hund begraben liegt.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost