Verzögerung

Experten: Berlins neuer Großflughafen ist erst zur Hälfte betriebsbereit

Rechnungshof kritisiert lasche Kontrollen - Wowereit beim Tag der offenen Tür ausgelacht

- Nach der Verschiebung des Eröffnungstermins für den neuen Hauptstadtflughafen Willy Brandt (BER) werden immer mehr Details zum Ausmaß der Mängel bekannt. Laut einem Bericht von Experten des Münchner Unternehmens Orat seien wichtige Prozesse vom Check-in über das Boarding bis hin zum Bodenverkehr im April erst zu 52 Prozent betriebsbereit gewesen. Die Firma ist seit Monaten maßgeblich für den Probebetrieb verantwortlich. Ein Sprecher der Flughafengesellschaft bestätigte die Existenz der Analyse. Er bekräftigte jedoch zugleich, dass die Probleme beim Brandschutz verantwortlich für die Terminverschiebung gewesen seien. Die übrigen Betriebsabläufe seien bis zum April noch nicht getestet worden oder liefen nur noch nicht stabil. Sie hätten die termingemäße Übergabe nicht verhindert.

Zusätzlich werden Vorwürfe laut, wonach der Bund und die beiden Länder Berlin und Brandenburg als Gesellschafter des Flughafens die Geschäftsführung nur oberflächlich kontrolliert haben. Das könnte maßgeblich zu der Verzögerung beigetragen haben. So bemängelte der Landesrechnungshof Brandenburg bereits im November 2011 das Controlling des Milliardenprojekts. Demnach habe die eingesetzte Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft (WPBG) keine eigenen Kontrollen zum Fortgang der Arbeiten ausgeführt, sondern lediglich auf Daten zurückgegriffen, die von der Flughafengesellschaft selbst geliefert wurden.

Trotz der Blamage feierten rund 50.000 Menschen am Sonnabend beim Tag der offenen Tür - für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) war es allerdings ein schwerer Gang. Er besuchte das Fest gemeinsam mit Flughafenchef Rainer Schwarz. Dabei bezeichnete er die Probleme als "mittlere Katastrophe". Als er jedoch hinzufügte, man könne dennoch sehen, wie weit der Flughafen schon sei - "ein grandioses Werk" -, schallte ihm lautes Gelächter aus dem Publikum entgegen. Der Regierende Bürgermeister schloss ein personelles Nachspiel nicht aus. Dabei sollten allerdings keine Mitarbeiter aus dem "unteren Bereich" für die Chefs geopfert werden. Wowereit nannte zwar keine Namen. Doch gilt dies als Warnschuss in Richtung Flughafenchef Rainer Schwarz und dessen technischen Geschäftsführer Manfred Körtgen. Beide stehen unter hohem Druck. Nicht nur die neue Planung des Umzugs kostet Geld. Auch Unternehmen wie etwa die Lufthansa haben bereits angekündigt, dass sie den Schaden bei der Flughafengesellschaft geltend machen wollen.

Schwarz widersprach den Gerüchten, dass nicht nur der Brandschutz, sondern auch Verzögerungen beim Bau selbst eine Eröffnung zum 3. Juni unmöglich gemacht hätten. "Anfang Juni wäre der Flughafen baulich fertiggestellt gewesen, technisch aber noch nicht", so Schwarz.

Inzwischen reagiert auch das Bundesverkehrsministerium verärgert. Die Pannenserie müsse endlich ein Ende haben, sagte Minister Peter Ramsauer (CSU). "Es geht beim BER schließlich um ein international renommiertes Großprojekt und nicht um den Bau einer Pommes-Bude." Deshalb forderte der Minister einen genauen Terminplan, der auch wirklich eingehalten werden könne.

Auf den warten zurzeit alle. Wowereit kündigte an, dass am Mittwoch versucht werde, einen neuen "belastbaren Termin" zu finden. Die Landesregierungen hatten Ende August ins Spiel gebracht, die Airlines wollen einen Start frühestens im November. Inzwischen sagt auch Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), vor Bekanntgabe eines neuen Termins müsse klar sein, dass der Airport voll funktionsfähig sei, und nicht mit Provisorien arbeite. "Dann lieber ein paar Wochen oder ein paar Monate mehr", so Platzeck.