Anschlag

Terrorangst im Land der Fußball-EM

| Lesedauer: 4 Minuten

Anschläge: Deutschland verschärft Reisehinweis für Ukraine. Zustand von Timoschenko "bedrohlich"

- Nach mehreren Bombenanschlägen in der Heimatstadt der Oppositionsführerin Julia Timoschenko herrscht im Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft Terrorangst. Bei vier Explosionen im ostukrainischen Dnjepropetrowsk wurden mindestens 27 Menschen verletzt, darunter neun Schulkinder. Sicherheitskräfte entschärften einen fünften Sprengsatz. Wer für die Anschläge verantwortlich ist, stand zunächst nicht fest. Unklar ist bislang auch, ob die Explosionen in Zusammenhang mit der Inhaftierung der einstigen Ministerpräsidentin stehen. Deutschland verschärfte seine Reisehinweise.

Zugleich mahnte die Bundesregierung bei der Ukraine ein schnelles Handeln im Fall der erkrankten Ex-Ministerpräsidentin an. Ärzte der Berliner Charité riefen die Regierung dringend auf, Timoschenko zur Behandlung ausreisen zu lassen.

Die vier Explosionen erschütterten die Stadt innerhalb von 90 Minuten. Die erste Detonation ereignete sich nach Angaben einer Sprecherin des Ministeriums für Krisensituationen an einer Straßenbahnhaltestelle, die zweite vor einem Kino. Der dritte Sprengsatz ging vor einem Bahnhof hoch, eine vierte Explosion wurde ebenfalls im Stadtzentrum gehört. Ein Sprecher des ukrainischen Geheimdienstes SBU sagte, alle Sprengkörper seien selbst gebaut gewesen und hätten in Behältern wie etwa Mülltonnen gelegen. Innenminister Witali Sachartschenko erklärte, er wolle nach Dnjepropetrowsk fliegen. Bislang bekannte sich niemand zu den Anschlägen. Auch im Vorfeld soll es keine Drohungen oder Erpressungsversuche gegeben haben.

Die Ukraine bemühte sich um politische Schadensbegrenzung. Man würde einen störungsfreien Verlauf des Turniers, das in sechs Wochen beginnt, garantieren, sagte Alexander Birsan, der EM-Verantwortliche von Präsident Viktor Janukowitsch. "Wir unternehmen alles Notwendige zur Sicherung der Gäste und der Teilnehmer der EM." Dnjepropetrowsk gehört nicht zu den Austragungsorten der EM. Janukowitsch sprach von einer "Herausforderung für das ganze Land".

Dennoch verschärfte das Auswärtige Amt seinen Reisehinweis. "Reisenden in der Region wird geraten, besondere Vorsicht walten zu lassen und die Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen", heißt es seit Freitag auf der Internetseite des Ministeriums. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte: "Die Bundesregierung ist betroffen angesichts der Informationen über die Explosionen in Dnjepropetrowsk in der Ukraine, bei denen viele Menschen verletzt wurden, darunter zahlreiche Kinder." Die Hintergründe müssten aufgeklärt werden. "Das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Kiew beobachten die Lage und weitere Entwicklungen sehr aufmerksam."

Gabriel ruft zu Boykott auf

Die Anschläge kommen der Ukraine höchst ungelegen. Denn bereits die Diskussion über den Gesundheitszustand der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko belastet zunehmend die internationalen Beziehungen. Timoschenko leidet nicht nur an einem oder mehreren Bandscheibenvorfällen, sie beklagt sich auch über Misshandlungen im Gefängnis. In Berlin appellierten Ärzte des Universitätsklinikums Charité nach Untersuchungen der schwer erkrankten 51-Jährigen, sie zur medizinischen Behandlung ausreisen zu lassen. Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl nannte den Gesundheitszustand der Politikerin wegen ihres Hungerstreiks bedrohlich. Der Leiter der Charité-Klinik für Orthopädie, Norbert Haas, sagte, Timoschenkos Gesundheitszustand habe sich "deutlich verschlechtert". Es gebe "erhebliche Zweifel" hinsichtlich einer Therapie in der Ukraine.

Regierungssprecher Steffen Seibert mahnte die Ukraine, es dürfe mit Blick auf das Schicksal Timoschenkos "kein Spiel auf Zeit" geben. Die Bundesregierung setze sich dafür ein, dass Timoschenko "jetzt die nötige Behandlung bekommt". Unterdessen forderte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel laut einem Bericht der "Bild am Sonntag" alle Politiker dazu auf, die EM zu boykottieren. Er sagte: "Politiker müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden. Denn sie sitzen in den Stadien möglicherweise neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten. Im Zweifelsfall sollte man da nicht hinfahren."