Karaseks Woche

Vom König zum Bettler

Jetzt, da im Frühling alles pulsiert, sprießt, blüht und zur Frucht und Vollendung drängt, ist es misslich, vom barocken Lebensgefühl der Eitelkeit, Endlichkeit, des Sturzes vom höchsten Thron in das tiefste Elend zu sprechen, von dem es im Soldatenlied heißt: "Gestern noch auf stolzen Rossen/ Heute durch die Brust geschossen/ Morgen schon im kühlen Grabe."

Und doch, der tiefe Fall eines Königs lässt einem ein Gedicht des Barocklyrikers Gryphius in den Sinn kommen: "Du sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden./ Was dieser heute baut, reist jener morgen ein." Und weiter: "Was itzund prächtig blüht, sol bald zutretten werden./ Was itzt so pocht und trotzt, ist Morgen Asch und Bein ..."

Hier ist nicht die Rede von Guido W., der sich einst hoffärtig die Schuhe mit einer 18 vergolden ließ. Und auch der edle Freiherr von und zu G. ist nicht gemeint, der aus dem akademischen Himmel des "summa cum laude" in den Abgrund eines zusammengeklauten Plagiats fiel. Und auch vom tiefen Fall des Christian W. ist nicht die Rede, der vom Schloss Bellevue in Berlin in einen ziemlich scheußlichen gelben Klinkerbau in Großburgwedel vertrieben wurde.

Nein, hier ist vom einstigen Quotenkönig Gottschalk die Rede. In einer Schaltkonferenz haben ihn die ARD-Intendanten vom Quotenkönig zum Quotenbettler gemacht, während er laut und inständig seine ihm verbliebenen Zuschauer um Quote anschnorrte. Das taten die Herren der ARD nicht laut und offiziell, sondern - noch gemeiner - mit einem Gerücht, das durch die Ritzen der Vertraulichkeit drang. Gestern noch beim ZDF schien für ihn kein Nachfolger gut, keiner konnte ihm das Wasser reichen. Heute sagt die ARD, sie müsse ihr Flaggschiff, die "Tagesschau", vor Gottschalk wie vor einer ansteckenden Schwindsucht retten. SOS für das ARD-Paradeschiff durch den vorausschlingernden Gottschalk.

Welch ein Fall!

So galt das alte Soldatenlied: "Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum Quotentod./ Gestern noch auf stolzen Quoten, heute bei den Medientoten."

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost