Nahverkehr

S-Bahn streicht noch mehr Züge

Auf dem Weg aus der Dauerkrise droht der Berliner S-Bahn ein herber Rückschlag. Vor allem weil Triebfahrzeugführer fehlen, muss das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn erstmals seit Monaten ihren ohnehin ausgedünnten Fahrplan nochmals reduzieren.

Wie die Berliner Morgenpost aus Unternehmenskreisen erfuhr, sind für mehrere Linien neue Einschränkungen geplant. Nach Abstimmungen mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) sollen diese heute offiziell bekannt gegeben werden.

Unter anderem sollen bis Anfang Juni auf der Linie S75 jeweils an den Wochenenden die Verstärkerfahrten zwischen Wartenberg und der Stadtbahn entfallen. An den nächsten vier Wochenenden wird zudem auf der S25 auf den Zehn-Minuten-Takt zwischen Teltow und Potsdamer Platz verzichtet. Danach wird bis zur Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens am 3. Juni der Wochenendbetrieb der Linie S45 (Südkreuz-Flughafen Schönefeld) eingestellt. Ausnahme ist lediglich das zweite Mai-Wochenende, an dem die Flughafengesellschaft ein großes Volksfest am neuen BER-Terminal veranstaltet. Mit der Fahrplanänderung will die S-Bahn den Ärger ihrer Kunden über kurzfristige Einschränkungen verringern.

Erst im Februar hatte sich die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der S-Bahn deutlich verschlechtert. Laut VBB konnte die S-Bahn im Vormonat nur noch 87,9 Prozent ihrer geplanten Zugfahrten real erbringen. Die Zuverlässigkeit der S-Bahn hat sich damit gleich um 5,5 Prozentpunkte gegenüber Januar verschlechtert. Abwärts ging es auch bei der Pünktlichkeit: Nur 93,8 Prozent der Züge fuhren zu den im Fahrplan ausgewiesenen Zeiten auch in den Bahnhöfen ein. Vertraglich verpflichtet hat sich die S-Bahn zu einer Pünktlichkeit von mindestens 96 Prozent. Mängel auch im Zugangebot: Statt der geforderten 562 Viertelzüge konnte die S-Bahn laut VBB im Februar durchschnittlich nur 459 Zwei-Wagen-Einheiten einsetzen. "Das sind nur 81 Prozent der bestellten Fahrzeuge", kritisierte VBB-Chef Hans-Werner Franz. Wegen der vielen Verspätungen und Ausfälle hat der Senat seine Zahlungen an die S-Bahn seit Jahresbeginn um 2,9 Millionen Euro gekürzt.

Angesichts dieser Entwicklung sieht sich der Fahrgastverband Igeb in seiner grundsätzlichen Kritik an der für den 1. August 2012 beschlossenen Verteuerung der Tickets bestätigt. "Solange die Berliner S-Bahn so schlechte Qualität liefert, haben Fahrpreiserhöhungen in der Stadt keine Berechtigung", sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Denn anders als der Senat hätten die Kunden der S-Bahn keine Möglichkeit, bei Ausfällen ihr Entgelt einfach zu kürzen. Der Fahrgastverband sieht aber auch den Mutterkonzern der S-Bahn, die Deutsche Bahn, in der Verantwortung. Anfang Februar sei kaum ein Tag ohne Signal- oder Weichenstörungen vergangen, die wiederum zu Zugausfällen führten. Die für die Infrastruktur zuständige Bahn-Tochter DB Netz machte für die Störungen vor allem den Frost verantwortlich.

Der seit Monaten anhaltende Fahrermangel bei der S-Bahn ist für VBB-Geschäftsführer Franz "in erster Linie ein hausgemachtes Problem". Aus Kostengründen sei in der Vergangenheit zu wenig Nachwuchs ausgebildet worden. Die S-Bahn verspricht Besserung: Bis Jahresende sollen 100 neue Lokführer ihre Prüfungen ablegen. Dennoch müsse mindestens bis August weiterhin mit Fahrplan-Einschränkungen gerechnet werden.

"Solange die Berliner S-Bahn so schlechte Qualität liefert, haben Fahrpreiserhöhungen keine Berechtigung"

Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbands Igeb