Karaseks Woche

Die vergessene Strophe

Die Glosse der letzten Woche über das Lied "Im Märzen der Bauer", mit der ich den März und den Frühling mit Gewalt rezitierend herbeibeschwören wollte, hat ein starkes Echo, oder wie man auf Denglisch sagt, ein kräftiges Feedback bewirkt, das für mich eine gute Nachricht und viele schlechte Nachrichten enthielt.

Die gute Nachricht: Ich hatte recht, dass der Rest des Jahres von April bis Dezember in einer Strophe runtergerasselt wird. Ich hatte aber leider nicht recht, dass das Lied nur zwei Strophen hat. Die zweite, von mir vergessene Strophe geht so (ich schwöre, es fiel mir gleich beim ersten Wort wieder siedend heiß ein!): "Die Bäu'rin, die Mägde, sie dürfen nicht ruh'n/ Sie haben im Haus und im Garten zu tun./ Sie graben und rechen und singen ein Lied/ Und freu'n sich, wenn alles schön grünet und blüht."

Ausgerechnet in der Woche, wo Frauenquoten in Chefetagen das heftigstdiskutierte Thema waren, habe ich die Frauen aus dem Frühling vertrieben! Die Bäuerin aus ihrem Küchen- und Gartenreich mitsamt ihren Mägden, über die sie das Sagen hatte. Einfach aus dem Frühjahrsputz rausgenommen, ihre Tätigkeit für denselben total verleugnet, verdrängt und vergessen. Wo sie doch beim Rechen den Männern zeigen, was eine Harke ist.

Nachträglich erst verstehe ich, warum bei meiner Oma in der Küche ein besticktes Handtuch hing, das da verkündete: "Beklage nie den Morgen, der Müh und Arbeit gibt./ Es ist so schön, zu sorgen für Menschen, die man liebt." Als diese häusliche Freude zu wackeln begann, sang die großartige und witzige und schöne Johanna von Koczian 1977: "Das bisschen Haushalt macht sich von allein/ sagt mein Mann./ Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein/ sagt mein Mann .../ Das bisschen Wäsche ist doch kein Problem/ sagt mein Mann. / Und auch das Bügeln schafft man ganz bequem/ sagt mein Mann ..."

Was das Bügeln angeht, kann man in dem Film "Die eiserne Lady" über den Beginn von Margaret Thatchers politischer Karriere sehen: dass da die Abgeordnete ein eigenes Klosett für weibliche Parlamentarierinnen hatte, in dem ein Bügeleisen stand.

Wahrscheinlich war auch für das Bügeln das Absingen fröhlicher Lieder vorgesehen. Und da fällt mir ein, dass ich in der Tat alle meine Lieder von meiner Mutter, meiner Tante oder der Großmutter gehört habe. Männer sangen damals eher beim Marschieren. Und das nicht zu Hause.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost