Unternehmensgründungen

Rekord bei neuen Firmen in Berlin

Noch nie hat es in Berlin in so kurzer Zeit so viele neue Firmen gegeben: In den ersten neun Monaten 2011 haben sich 33 148 neue Unternehmen in der Hauptstadt angemeldet. Das geht aus Zahlen hervor, die die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) am Freitag herausgegeben hat.

Gegenüber dem Vorjahreszeitraum bedeutet das eine Zunahme um gut zwei Prozent - was erstaunlich ist, da der Bundestrend dem entgegensteht. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind die Neuanmeldungen im gleichen Zeitraum deutschlandweit um rund 7,5 Prozent zurückgegangen.

Susanne Schmitt-Wollschläger, bei der Berliner IHK für den Bereich Unternehmensgründungen zuständig, ist von den Zahlen nicht überrascht. "Wenn ich mir allein die vergangenen fünf Jahre anschaue, war diese Zahl meist steigend", sagt sie. Waren es im Jahr 2007 noch insgesamt 39 000 Unternehmensgründungen, rechnet sie für das Gesamtjahr 2011 mit einer Zahl um 43 000. Das wäre dann ein Gründerrekord. Als Grund für dieses Hoch sieht Schmitt-Wollschläger vor allem die kreative Stimmung und das Umfeld der Internet-Start-ups, die internationale Gründer nach Berlin ziehen. Das sei auch schon vor 2011 so gewesen, aber gerade jetzt sei der Effekt davon spürbar.

Erfreut über diese Zahlen ist Christoph von Knobelsdorff, Staatssekretär im Berliner Wirtschaftsressort: "Das zeigt, dass in Berlin die Wirtschaftsdynamik zunimmt und es einen produktiven Drang zur Innovation gibt." Das sei genau das, was die Stadt brauche, um dem Ziel, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, näher zu kommen. Die guten Zahlen zeigten, dass eine Wirtschaftspolitik, die Gründungen gezielt unterstützt, der richtige Weg sei. "Wir müssen dafür sorgen, dass dieser erfreuliche Trend anhält."

Einer, der diesen Aufschwung von Anfang an verfolgt und dann ein Teil davon wurde, ist der gebürtige Charlottenburger Fabian Carlos Guhl. Der 29-Jährige hat sein Start-up Shelp! im Dezember 2011 gegründet - und wird damit noch genau in die Statistik fallen, die gerade für so gute Laune sorgt. "Bei Shelp!", sagt er, "sollen die Benutzer gleichzeitig sparen und spenden." Mehr wollte er nicht verraten. Herauskommen soll das Programm für Mobiltelefone im Laufe des Frühjahrs. Bis dahin sei noch einiges zu tun.

Doch er ist schon seit zwei Jahren in dieser Branche unterwegs und kann bestätigen, dass Berlin gerade seit dem Jahr 2011 im Fokus der weltweiten Softwareentwickler steht. "Schon jetzt könnte ich an jedem Abend der Woche zu einem Treffen der internationalen Internetszene gehen", sagt Guhl und erzählt von einer Veranstaltung des sozialen Netzwerks Twitter in Prenzlauer Berg am vergangenen Donnerstag. Es war nicht nur eines der größten Twitter-Ereignisse überhaupt, sondern es war schneller ausgebucht als frühere Veranstaltungen in London, New York und San Francisco.

Der deutsche Partner für den US-Internetgiganten war an diesem Abend der Hamburger Wachstumskapitalgeber Early Bird Venture Capital's, der ebenfalls seit Mai 2011 in Berlin ein Büro eröffnet hat. "Wenn es so etwas wie ein Auge des Hurrikans der Gründerszene für Internet-Start-ups gibt", sagt Ciaran O'Leary von Early Birds, "dann ist es gerade die Torstraße in Mitte." Bisher seien zwar nur sechs von 20 Firmen, an denen Early Bird beteiligt ist, ebenfalls aus Berlin. "Aber die Tendenz ist eindeutig steigend."

An Berlin komme man inzwischen einfach nicht mehr vorbei. Die Stadt sei definitiv auf Augenhöhe mit London - und sicher bald auch mit dem Silicon Valley. "Deshalb wollen wir in diesem Sommer komplett mit allen 15 Mitarbeitern von Hamburg an die Berliner Torstraße umziehen." Die Mitarbeiter, fügt O'Leary noch an, seien begeistert von dieser Entscheidung gewesen.

Doch nicht nur die Gegend um den Rosenthaler Platz in Mitte ist für die Szene wichtig. Experten sehen ganz ähnliche Zentren auch in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain entstehen. Neben der IT-Branche ist es vor allem der Dienstleistungssektor, in dem es viele Neugründungen gab, besonders im Gesundheits- und Sozialwesen. Damit reagieren die Gründer auch auf einen gestiegenen Bedarf an Einzelbetreuung.

Schmitt-Wollschläger sieht auch einen Imagewechsel der Stadt insgesamt. "Es ist einfach internationaler geworden", sagt sie. Nicht nur in den Cafés werde Englisch gesprochen, auch die IHK musste sich umstellen: Inzwischen führen Mitarbeiter auch englischsprachige Schulungen durch. Kürzlich, sagt Schmitt-Wollschläger, habe sie einen jungen Mann kennengelernt, der sich zwischen Berlin oder Kalifornien entscheiden musste. Das Wetter war für ihn offenbar kein Kriterium, um sich festzulegen ...

"Schon jetzt könnte ich an jedem Abend der Woche in Berlin zu einem Treffen der internationalen Internetszene gehen"

Fabian Carlos Guhl (29), Gründer eines jungen Berliner Start-ups