Aufnahme

Es spricht: Otto von Bismarck

Generationen deutscher Schüler haben gelernt, dass Otto von Bismarck ein "fast frauenhaft schwaches" Organ gehabt habe, geradezu eine Fistelstimme. Doch nur weil das in unzähligen Biografien und Schulbüchern steht, muss es nicht wahr sein. Den Beweis liefert Bismarck jetzt selbst. Denn 114 Jahre nach Bismarcks Tod ist erstmals wieder die Stimme des Eisernen Kanzlers (1815-1898) zu hören.

Die Aufnahme auf einer Wachswalze aus dem Jahr 1889, die im Internet auf der Website der Berliner Morgenpost ( morgenpost.de/bismarck ) zu hören ist, ist von schlechter Qualität; die Nebengeräusche der rotierenden Walze sind lauter als die aufgezeichnete Stimme. Dennoch, sagt Ulrich Lappenküper, der Chef der Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh, handele es sich "für die Bismarck-Forschung um eine sensationelle Entdeckung". Seit 2005 hatten Lappenküper und seine Mitarbeiter nach dem Tondokument gesucht. Dabei war die Rolle zusammen mit mehreren anderen bereits 1957 entdeckt worden, ohne allerdings abgespielt werden zu können. Erst 2011 gelang es in den USA, die Aufnahme hörbar zu machen.

Bismarcks Stimme konnte identifiziert werden, weil in alten Zeitungen Berichte über einen ungewöhnlichen Besuch beim Kanzler zu finden waren. Am 7. Oktober 1889 präsentierte Adelbert Wangemann, ein Mitarbeiter des US-Erfinders Thomas Alva Edison, Bismarck den "Phonographen", das erste Aufzeichnungsgerät.

Wangemann spielte Bismarck zunächst einige populäre Arien vor. Der Reichskanzler war beeindruckt und "versuchte alsdann auf Anregung seiner Gemahlin, seine eigene Stimme auf das Instrument zu übertragen". Zunächst zitierte er das amerikanische Lied "In Good Old Colony Times", dann den Anfang des Gedichts "Als Kaiser Rotbart lobesam" und die erste Strophe des Studentenliedes "Gaudeamus igitur". Dann folgten einige Worte an seinen Sohn, Außenminister Herbert von Bismarck. Schließlich zitierte er die Anfangszeilen der "Marseillaise". Ausgerechnet Frankreichs Nationalhymne, der Stolz des "Erbfeindes", gesprochen von Otto von Bismarck - das ist wahrhaft "sensationell".