Studie

Berlin - das jüngste Bundesland

Berlin ist die Hauptstadt der Jungen, der Alleinlebenden, aber auch die der Geringverdiener. Im vergangenen Jahr waren mehr als die Hälfte der Berliner Haushalte Ein-Personen-Haushalte (53,7 Prozent). Deutschlandweit leben dagegen nur 39,7 Prozent der Menschen allein. Das geht aus den Bevölkerungsstrukturdaten für 2011 hervor, die das Unternehmen GfK GeoMarketing, das zur Gesellschaft für Konsumforschung gehört, erhoben hat.

Demnach gibt es in Berlin mit 15,7 Prozent auch den höchsten Anteil junger Haushalte (unter 30 Jahren). Bundesweit liegt dieser lediglich bei 11,5 Prozent. Beim Anteil der Haushalte mit Kindern ist Berlin hingegen mit 21 Prozent das bundesweite Schlusslicht. Familien mit Kindern sind am häufigsten in Baden-Württemberg (32,2 Prozent) zu finden.

Trauriger Spitzenreiter im bundesweiten Vergleich ist Berlin nach wie vor beim Anteil der Haushalte in den unteren Einkommensklassen. Insgesamt 24,7 Prozent aller Haushalte haben dort ein Monatseinkommen unter 1100 Euro Netto. Das sind fast 75 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Am wenigsten Geringverdiener hat Baden-Württemberg (9,9 Prozent). Bei den Topverdienern mit einem Nettoeinkommen von mehr als 7500 Euro pro Monat liegt Hessen mit 5,3 Prozent vorn, gefolgt von Bayern mit 4,7 Prozent und Baden-Württemberg mit 4,5 Prozent.

André Holm, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität, findet es bemerkenswert, dass in Berlin trotz einer massiven Zuwanderung aus anderen Bundesländern - jährlich kommen immerhin 90 000 Menschen in die Hauptstadt - weiterhin am meisten Geringverdiener leben. Die Zahlen würden deutlich machen, dass nicht die Großverdiener nach Berlin kämen, sondern wohl vor allem Studenten und Menschen mit geringerem Einkommen.

"Der Druck auf den Wohnungsmarkt nimmt zu", sagt Holm. In Innenstadtbezirken wie Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow oder Neukölln gebe es bereits jetzt schon kaum noch preiswerte Wohnungen. Weder für Singles noch für Familien. Nicht zuletzt aus diesem Grund würden junge Paare die Stadt verlassen, wenn Kinder kämen und sie eine größere Wohnung brauchten.

Damit sich mehr Familien in Berlin ansiedeln und auch mehr junge Menschen nach ihrem Studium in der Stadt bleiben wollen, müsste es laut Holm deutlich mehr gut bezahlte Jobs in der Stadt geben. Entscheidend sei auch die Schulfrage sowie das Angebot bei der Kinderbetreuung. "Dies sind die Herausforderungen der kommenden Jahre", so Holm.

Was die Schaffung neuer Jobs betrifft, begrüßt es die IHK Berlin ausdrücklich, dass der Senat das Großprojekt Tegel mutig angehen und dafür sorgen will, dass das Gelände des ehemaligen Flughafens zu einem Technologiestandort wird.

Als Single-Hauptstadt liegt Berlin allerdings im Trend, wie die GfK-GeoMarketing-Daten zeigen. So lag der Anteil der Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder 2011 bei 31,2 Prozent und damit wie schon im Vorjahr über dem Anteil der Haushalte mit Kindern (29,2 Prozent). Dies zeigt, dass sich die deutsche Gesellschaft in einem demografischen Wandel befindet. Der Anteil der Familien mit Kindern nimmt mehr und mehr ab. Gleichzeitig steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung. So stellen die Seniorenhaushalte (60 Jahre und plus) mit 34,9 Prozent den größten Anteil der deutschen Haushalte dar.

Bei den GfK-GeoMarketing-Bevölkerungsstrukturdaten handelt es sich um soziodemografische Daten. Sie beschreiben Bevölkerung und Haushalte in Deutschland, wobei erfasst wird, ob es sich um Einzel- oder Mehrpersonenhaushalte handelt, wie alt die Menschen sind und wie ihre Einkommenssituation aussieht. Auch Angaben zur Bebauung (Ein-, Zwei-Familienhäuser) werden gesammelt. Die Gesellschaft für Konsumforschung ist eines der größten Marktforschungsunternehmen weltweit. Über 11 000 Mitarbeiter erforschen, wie Menschen leben, denken und konsumieren.