Besucherzentrum

Vorbild Washington: Reichstag soll unterirdisch vergrößert werden

Das neue Besucherzentrum für den Reichstag soll nach dem Vorbild des Washingtoner Kapitols nahezu komplett unter der Erde entstehen. "Entscheidend bleibt, dass der wunderbare Blick auf das Reichstagsgebäude nicht beschädigt wird", sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) der Berliner Morgenpost. Aus diesem Grund hätten der Bund und das Land Berlin "jetzt eine Machbarkeitsstudie für eine weitgehend unterirdische Lösung westlich des Reichstagsgebäudes in Auftrag gegeben".

Damit kommt das mutmaßlich letzte große Neubauprojekt im Berliner Regierungsviertel einen entscheidenden Schritt voran. Denn Thierse, der auch Vorsitzender der Bau- und Raumkommission des Bundestags ist, erwartet, dass die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie in den nächsten Monaten vorliegen. In der neuen Legislaturperiode könnte dann mit den Bauarbeiten begonnen werden. "Als Vorbild gilt uns dabei Washington. Die Amerikaner haben ein großes Besucher- und Informationszentrum mit Kinosälen unter der Erde errichtet", sagte Thierse. Tatsächlich handelt es sich beim United States Capitol Visitor Center (CVC) um einen spektakulären Bau auf drei Etagen unterhalb der Ostseite des Kapitols. Der insgesamt 54 000 Quadratmeter große und 621 Millionen Dollar teure Erweiterungskomplex, der im Dezember 2008 nach knapp achtjähriger Bauzeit eröffnet wurde, verfügt unter anderem über einen balkonartigen Eingangsbereich und die sogenannte Emancipation Hall als Hauptaufenthaltshalle. Zwei Kinos oberhalb der Ausstellungshalle zeigen fortlaufend einen 13-minütigen Film über die Geschichte des Kongresses und des Kapitolkomplexes. Die Besucher betreten die Kinos auf der unteren Ebene der Emancipation Hall und verlassen sie auf der Ebene der Krypta. Der Film wird mit gestaffelten Anfangszeiten gezeigt. So soll ein gleichmäßiger Besucherstrom in das Kapitol, das mit drei bis fünf Millionen Besuchern pro Jahr zu den Hauptattraktionen der USA zählt, garantiert werden.

Der Bundestagsvizepräsident ließ offen, ob die Bundesrepublik das neue Zentrum "nun so großzügig anlegen sollte wie die Weltmacht", betonte aber: "Auch unser Projekt ist herausfordernd, schließlich verläuft hier die U-Bahn zum Alexanderplatz." Noch herausfordernder wäre es indes gewesen, das Zentrum wie zunächst angedacht überirdisch auf der Westseite des Reichstags zu errichten. Denn dort hätte es den Blick auf das historische Gebäude gestört. Der Berliner Senat hatte deshalb erklärt, eine unterirdische Lösung zu favorisieren.

Die Überlegungen zum Bau des Zentrums begannen vor mehr als einem Jahr. Wegen der Terrordrohung gegen den Reichstag wurden damals die Sicherheitsvorkehrungen im Bundestag deutlich verschärft. Seitdem werden die Kontrollen der Besucher nicht mehr im Reichstagsgebäude selbst, sondern in behelfsmäßig aufgestellten Pavillons auf dem Platz der Republik durchgeführt. So soll verhindert werden, dass Attentäter sich als Touristen tarnen und im Gebäude eine Bombe zünden können. Dass die Pavillons kein Dauerzustand sein sollen, war von vornherein klar. In dem unterirdischen Gebäude soll der notwendige Sicherheitscheck mit attraktiven Informationsangeboten wie in Amerika verbunden werden.

Thierse wünscht sich darüber hinaus "dass in die Überlegungen die Stelle zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus einbezogen wird, in der zurzeit noch eine Lücke klafft. Vielleicht lässt sich dort auch überirdisch etwas machen", sagte er. Fest stehe: "Wenn die entsprechenden Prüfungen abgeschlossen sind, werden wir in diesem Jahr ein offizielles Wettbewerbsverfahren einleiten."