Demografie

Deutschland wächst wieder

Die Bevölkerung in Deutschland ist erstmals nach acht Jahren wieder leicht gewachsen - vor allem dank Zuwanderern aus Europa. Mehr als 81,80 Millionen Menschen lebten Ende 2011 in der Bundesrepublik - gut 50 000 mehr als im Vorjahr. Das geht aus einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes hervor, die am Freitag in Wiesbaden veröffentlicht wurde.

Insgesamt kamen 2011 rund 240 000 Menschen mehr in die Bundesrepublik als wegzogen. Das ist die höchste Zahl seit zehn Jahren. 2010 betrug dieser Saldo lediglich 128 000.

Damit bestätigt sich bundesweit eine Entwicklung, die sich in Berlin bereits im Anfangsquartal 2011 abzeichnete. In den jüngsten Erhebungen zur Bevölkerungsentwicklung in der Hauptstadt hatte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg einen Zugewinn von 8800 Menschen auf 3 468 900 verzeichnet.

Die Neu-Berliner kommen zum Großteil aus dem Ausland, 4500 Personen sind über die Bundesgrenzen nach Berlin gezogen. Die Zahlen aus dem ersten Jahresquartal 2011 sind bereits doppelt so hoch wie die des Vorjahres. 2010 zog es 16 800 Menschen nach Berlin. 2009 waren es noch 11 000. Die Zuwanderung wird nach den aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes sogar weiter zunehmen.

Dies ist bundesweit allerdings nicht zu erwarten. "Mittel- und langfristig gehen die Bevölkerungszahlen zurück", sagte Statistiker Reinhold Zahn. Denn das überraschende Plus bei den aktuellen Zahlen sei "keine Trendwende, sondern eine Momentaufnahme." Mehr Einwanderer aus den neuen EU-Staaten sind die Hauptursache für die jüngste Entwicklung.

Die meisten jener Zuwanderer kommen aus Polen, für das seit Mai 2011 die vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt. Klaus Sturmfels von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Frankfurt sieht in dem Plus aber mehr als nur Arbeitsmigration. Viele Polen wollten auch aus kulturellen Überlegungen oder wegen der besseren Bildung in Deutschland bleiben. "Die Polen sind jetzt ja auch anerkannter und werden freundlicher behandelt als früher", fasste Sturmfels seine Erfahrungen zusammen. "Das ist der Schmelztiegel Europa. Wer europäisch denkt, ist flexibel. Die Leute gehen in das Land, wo sie gute Bedingungen vorfinden."

Die Finanz- und Schuldenkrise ist nach Ansicht des Direktors des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung in Bielefeld, Professor Ralf E. Ulrich, ein wesentlicher Grund für den Zuzug vieler Ost- und Südeuropäer nach Deutschland. "Wenn sie Arbeit in Deutschland finden und das nach Hause kommunizieren, werden mehr kommen." Das Zuwanderungsplus werde dennoch voraussichtlich nur wenige Jahre anhalten.

Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg gab zu bedenken, dass auch die überraschend hohe Zahl von Zuwanderern den Druck auf dem Arbeitsmarkt nicht auszugleichen vermag. Insgesamt zogen 2011 der Prognose zufolge 240 000 Menschen mehr zu als weggingen. "Wir bräuchten 300 000 bis 400 000 pro Jahr."

"Von der Zuwanderung profitieren zudem nur die Regionen, denen es demografisch ohnehin schon sehr gut geht", sagte Sven Stadtmüller vom Forschungszentrum Demografischer Wandel an der Frankfurter Fachhochschule. Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung nannte die Gewinner: "Die Bevölkerungszunahme wird sich auf die Metropolen Berlin und Hamburg sowie auf die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein konzentrieren."

Einigen Regionen - insbesondere in den neuen Ländern - drohe eine Verödung oder gar Versteppung, so die Fachleute unisono. Stadtmüller sieht für einige Kommunen die Chance, ihre Dorf- oder Stadtmitte neu zu entwickeln, statt auf Neubaugebiete zu setzen. In anderen Regionen werde die Infrastruktur - etwa Supermärkte und Ärzte - gebündelt und mithilfe Ehrenamtlicher ein Bring- und Holservice organisiert. Manche Region lassen sich auch touristisch erschließen - vorausgesetzt, es finden sich Investoren. Zukunftsforscher Steinle hat schon eine ausgemacht: Einige attraktive hügelige Landstriche bemühten sich bereits um holländische Rentner.

Bei der Zahl der Geburten und der Sterbefälle haben die Statistiker 2011 keine wesentlichen Veränderungen festgestellt. Von einem Babyboom könne nicht die Rede sein, sagte Zahn. Rund 660 000 bis 680 000 Säuglinge kamen 2011 in Deutschland den Hochrechnungen zufolge zur Welt - im Jahr zuvor waren es etwa 678 000.