Karaseks Woche

Gastfreundschaft beim Präsidenten

Gegen Ende der 80er-Jahre (lang ist's her) begrüßte mich Billy Wilder bei meinem Besuch mit der gleichzeitig stolzen und von ihm altersironisierten Eröffnung: "Stell dir vor, der amerikanische Präsident hat mich nach Washington zu einem offiziellen Dinner ins Weiße Haus eingeladen. Mit mehreren anderen Künstlern."

Präsident war damals Ronald Reagan, ein ehemaliger Hollywood-Kollege Wilders, ein Republikaner im Oval Office, während Wilder seit Kennedys Zeiten und eigentlich schon seit der McCarthy-Zeit eher den Demokraten zugeneigt war. "Gratuliere!", sagte ich. "Und wirst du die Einladung annehmen?" Er schüttelte den Kopf: "Ich weiß nicht so recht! Ich habe meinen Freund I.A.L. Diamond gefragt" (Diamond war sein kongenialer Mitdrehbuchautor, dem der geniale Schluss zu "Some Like It Hot" - "Nobody is perfect" eingefallen war, er lag damals schon schwer krank im Hospital). "Und", fuhr Billy Wilder fort, "er hat mir abgeraten! Er hat gesagt, jetzt lädt der Präsident dich ein, dann musst du ihn im Gegenzug einladen. Dann er wieder dich. Und du wieder ihn. Und wo soll das hinführen? Und wo enden?" Wilder ist nicht zum Festessen nach Washington geflogen. Keine große Geschichte. Aber mir ist Wilders spöttische Anekdote einer kleinbürgerlichen Abwägung einer präsidialen, hochoffiziellen Einladung jetzt wieder in den Sinn gekommen, als sich unser derzeitiger Bundespräsident am letzten Mittwoch im Fernsehen bei ARD und ZDF zum dritten Mal um Kopf und Kragen entschuldigte. Hier, bei uns, lädt nicht der Präsident ein, sondern lässt sich einladen. So nach Norderney, von einem Schulfreund, der einen Süßwarenladen hat, oder nach Italien und Spanien, wo er nebst Gattin im Gästezimmer schläft oder gar auf der Besuchsritze im Doppelbett, und Freude hat, mit denen zusammen zu frühstücken und zu kochen. Und, bemerkt der gegenwärtige Bundespräsident, dann zahle er natürlich nix, und wenn die im Gegenzug zu ihm nach Berlin kommen, dann stelle er bei denen für benutzte Bettwäsche auch nichts in Rechnung. Da kommen einem die Tränen. Da grillen Freunde im Präsidentenpark, nächtigen im Flur oder im Zelt, kleine, einfache Zuckerbäcker, die Maschmeyer oder Großmann heißen oder so ähnlich. So bescheiden! So wunderbar knickrig! Da konnte Frau Schausten nicht anders und musste gestehen, dass sie bei ihren Freunden 150 Euro für Gastfreundschaft berappt. Inklusive des benutzten Bettlakens.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost