Gutachten

Lärmschutz: Umweltbundesamt fordert Nachtflugverbot - und neue Flugrouten

Rund drei Monate hat das Umweltbundesamt (UBA) sich intensiv mit den umstrittenen Flugrouten für den neuen Hauptstadtflughafen BER befasst. Besonders im Südosten und Südwesten Berlins sehen die Menschen der UBA-Stellungnahme, die am kommenden Dienstag öffentlich vorgestellt werden soll, mit großen Hoffnungen entgegen.

Denn wie bereits am Sonnabend bekannt wurde, spricht sich das Umweltbundesamt angesichts hoher Lärmbelastungen nicht nur gegen Nachtflüge am künftigen Großflughafen in Schönefeld aus, sondern mahnt auch Änderungen bei den Flugrouten an.

Ein Gutachten des Amtes empfehle ein umfassendes Nachtflugverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr, hatte die "Märkische Allgemeine Zeitung" in ihrer Sonnabendausgabe berichtet. Dies sei auch bei anderen stadtnahen Flughäfen grundsätzlich so üblich. Forschungsergebnissen zufolge könne nächtlicher Lärm zu Gesundheitsschäden führen. Zudem seien viele Bürger nach den Unterlagen des Planfeststellungsverfahrens davon ausgegangen, dass sie nicht von Fluglärm betroffen seien.

Ferner dringt das Umweltbundesamt auf eine erneute Überarbeitung bei den Flugrouten. Vor allem die Pläne für die Gebiete um den Wannsee im Westen Berlins und den Müggelsee im Osten der Hauptstadt müssten überarbeitet werden. Aus Sicht des Umweltamtes sollten tagsüber - anders als bislang geplant - keine Flüge über den Wannsee gehen. In den bislang für nächtliche Flüge vorgesehenen Zeiten von 22 bis 24 Uhr und 5 Uhr bis 6 Uhr seien hingegen wegen der geringen Zahl der Flugbewegungen Überflüge des Wannsees vertretbar. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) wolle jedoch in ihrer im Sommer 2011 vorgestellten Vorzugsvariante den Wannsee zumindest von einem Teil der in Richtung Westen startenden Maschinen überfliegen lassen.

Als besonders problematisch stuft das Umweltbundesamt auch die geplanten Abflüge über den Müggelsee ein. Das Amt plädiert für die von der Berliner Gesundheitsverwaltung vorgeschlagene Alternative, dass alle Flüge in östlicher Richtung von der Nordbahn des Flughafens geradeaus starten. Dann sollen die Flugzeuge nach einer Rechtskurve zwischen Karolinenhof und Müggelheim über die Gosener Wiesen fliegen. Besonders diese Forderung sorgte am gestrigen Sonnabend bei Bürgerinitiativen im Südosten Berlins für ungläubiges Erstaunen. Schließlich hatte die Flugsicherung die alternative Flugroute über die Gosener Wiesen vor wenigen Monaten als nicht realisierbar zurückgewiesen. Diese, so hatte DFS-Chef Hans Niebergall noch im September vergangenen Jahres mitgeteilt, verstoße gegen internationale Sicherheitsrichtlinien und würde zudem den Gosener Bereich durch Starts und Landungen gleich doppelt belasten.

"Die Friedrichshagener Bürgerinitiative wertet die Vorabäußerung des UBA als begrüßenswerten Beitrag zur Versachlichung und als eindeutige Aufforderung, das beträchtliche Lärmminderungspotenzial für Berlin und Brandenburg durch den Wegfall der Müggelseeroute zu nutzen", sagte Initiativensprecher Hans Behrbohm gegenüber der Berliner Morgenpost. Diese Meldungen bedeuteten einen Teilerfolg. Es bleibe jedoch abzuwarten, ob die Vorschläge des UBA bei der Genehmigungsbehörde auch berücksichtigt würden. Das Umweltamt schlägt ferner eine Verlegung von Flügen von der Süd- auf die Nordbahn des Airports vor. Für die Havelseen nahe Potsdam werden der Zeitung zufolge lärmmindernde Anflugverfahren empfohlen. Die Fluglärmbelastung werde dort aber insgesamt als "eher gering" eingeschätzt. Für Nachfragen war das Amt am Sonnabend nicht zu erreichen.

Flugrouten auf Probe

Aus Sicht des Umweltbundesamts sollten nach der Eröffnung des Flughafens am 3. Juni die Routen ein Jahr lang getestet und überprüft werden. Erst nach einem einjährigen intensiven Lärmmonitoring sollten die Flugrouten dann endgültig festgelegt werden.

In welchem Umfang die Vorschläge des UBA in die endgültige Streckenführung einfließen, ist jedoch völlig offen. Denn das letzte Wort in den nunmehr seit anderthalb Jahren heftig geführten Auseinandersetzungen über die An- und Abflugwege nach Schönefeld hat das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF). Die Bundesbehörde will am 26. Januar ihre Entscheidung zu den Flugrouten veröffentlichen. Diese, damit rechnen Experten, dürfte neuen Streit auslösen. Dem Vernehmen nach soll Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) als Schlichter auftreten.

"Es bleibt abzuwarten, ob die Vorschläge beim Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung auch berücksichtigt werden"

Professor Hans Behrbohm, Bürgerinitiative Friedrichshagen