S-Bahn-Netz

Stromtest legt Berlin lahm

Am Donnerstag ist der Verkehr der Berliner S-Bahn für rund drei Stunden komplett zusammengebrochen. Von etwa 11.45 Uhr an fuhren fast im gesamten 332 Kilometer langen Netz so gut wie keine Züge mehr.

Hunderttausende Fahrgäste standen frierend auf den Bahnsteigen und kamen zumindest mit der S-Bahn nicht mehr weiter. Hunderte Fahrgäste saßen zudem in Wagen fest, die auf freier Strecke zum Stehen gekommen waren - teilweise bis zu zwei Stunden.

Zeitweilig brachen in Berlin auch die Mobilfunknetze zusammen, weil eingesperrte Passagiere versuchten, ihre Angehörigen oder Rettungskräfte zu erreichen. Auch der Fern- und Regionalverkehr über die Stadtbahnstrecke war von der Störung betroffen.

Auslöser für das neuerliche S-Bahn-Chaos, das an die schlimmsten Zeiten der vergangenen Krisenjahre erinnerte, war nach Bahn-Angaben "ein technischer Defekt bei planmäßigen Wartungsarbeiten". Betroffen war ausgerechnet die Notstromversorgung für die S-Bahn-Betriebszentrale, die Vorfälle wie am Donnerstag eigentlich verhindern soll. Laut dem Bahn-Sprecher wird die Funktionstüchtigkeit der Anlage alle zwei Monate getestet - seit 1999 in bislang 70 Fällen ohne Probleme. Am Donnerstag lief jedoch die Havarieübung, bei dem der Ausfall der normalen Stromversorgung geprobt wird, völlig aus dem Ruder.

Nach Angaben der Bahn ist ein technisches Bauteil am Notstromaggregat - ein sogenannter Wechselrichter - plötzlich verschmort. Auch ein zweiter Wechselrichter versagte. Der Stromausfall ließ gleichzeitig 30 Computer in der S-Bahn-Betriebszentrale und im Stellwerk Halensee abstürzen. Das Stellwerk im Grunewald ist die zentrale Schaltstelle für fast den gesamten Berliner S-Bahn-Verkehr. Lediglich einige Strecken im Osten waren von der Störung nicht betroffen. Die Signale auf den betroffenen Strecken schalteten automatisch auf Rot. Die Züge durften nur noch im Schritttempo bis zum nächsten Bahnhof fahren oder mussten auf freier Strecke stehenbleiben.

Selbst nachdem das Stellwerk kurz nach 14 Uhr wieder mit Strom versorgt werden konnte, lief der Zugverkehr nur sehr schleppend wieder an. "Wenn erst einmal alles stillsteht, dauert es Stunden, bis das gesamte System wieder im Lot ist", sagte ein S-Bahner. Für Verzögerungen beim Betriebsanlauf sorgte zudem, dass eingeschlossene Fahrgäste per Notfallhebel die Türen öffneten und auf die Gleise sprangen - und sich damit in Lebensgefahr brachten. Aus Sicherheitsgründen wird in diesem Fall die Energieversorgung der Züge, die über eine seitlich neben den Gleisen verlaufende Stromschiene erfolgt, sofort unterbrochen. Die Bundespolizei war mit nahezu allen im Dienst befindlichen Beamten im Einsatz, um die Passagiere von den Gleisen einzusammeln. Die BVG setzte längere U-Bahnen und Straßenbahnen sowie zusätzliche Busse ein, um den Nahverkehr in der Stadt aufrecht zu erhalten.

Politiker und Fahrgastvertreter reagierten auf das neuerliche S-Bahn-Desaster mit scharfer Kritik. Der Deutsche Bahnkundenverband forderte rasche Konsequenzen. Die Bahn müsse zusätzliche Notfallsysteme schaffen. "Dass die gesamten Züge der S-Bahn durch einen einzigen Stellwerkdefekt ausfallen, ist kaum vorstellbar", kritisierte der neue Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Ähnlich äußerte sich Hans-Werner Franz, Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg: "Offenbar sind Notfallkonzepte entweder nicht vorhanden oder nicht ausreichend."

Laut einem Bahnsprecher wird die S-Bahn auch am Freitag noch nicht im normalen Takt fahren.