Karaseks Woche

Alle Menschen werden Schwestern

Deutschland und Österreich sind zwei Länder, die getrennt sind durch die gleiche Sprache. Man kennt das. Die Österreicher essen Karfiol, wir Blumenkohl, sie sagen beim "Abschied leise Servus", wo wir Tschüss oder Tschüssikowski sagen, essen zum Frühstück Semmeln, sogar Kaisersemmeln, während wir bei uns nur Tore und Chancen (die wir "Schangsen" aussprechen) versemmeln. Na und so weiter.

Eine Zeit lang teilten wir uns sogar die Nationalhymne, jedenfalls was die Melodie anlangt. Und in beiden Ländern klang der Schlusschor von Beethovens "Neunter" gleich: "Alle Menschen werden Brüder", was ich in meiner Jugend in den 50er-Jahren aus gutem Grund missverstanden habe: "Alle Menschen werden prüder."

Nun aber las ich, dass die Ösis zum 1. Jänner (so heißt im Ösiland der Monat, der bei uns Januar heißt) ihre Nationalhymne verändern wollen. Zwei Textstellen. Wo es bisher hieß: "Heimat bist du großer Söhne" soll es künftig heißen: "Heimat großer Töchter und Söhne." Das hat keinerlei politische Gründe. Nein, beileibe nicht. Denn schon Billy Wilder wusste: "Die Österreicher haben (nach 1945, versteht sich) das Kunststück fertiggebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen."

Es geht also nicht um Politik, sondern um geschlechtliche Gleichstellung. Um Quote in der Nationalhymne. Elfriede Jelinek neben Andreas Hofer, Sissi neben Franz Joseph, Nannerl Mozart neben Wolfgang Amadeus.

Die zweite Stelle ist die, dass die Alpenländler und Donauiten die "Bruderchöre" durch "Jubelchöre" ersetzen. Recht so. Wir müssen uns keine Sorgen machen, bis die Franzosen in ihrem Revolutionsmotto "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" Schluss machen mit dem Fraternisieren. In Karikaturen über Merkel und Sarkozy, die sie zu dem Namenspaar Merkozy zusammengefasst haben, "verschwestert" sich die ostdeutsche Pfarrerstochter ohnehin mit dem französischen Präsidenten - sie wird als Domina gezeichnet, die Sarkozy wegen der Euro-Krise auspeitscht.

Was aber machen wir mit unserer Hymne? Mit der dritten Strophe, in der es heißt: "Brüderlich mit Herz und Hand"? Wir hätten es da leicht. Wir singen künftig einfach die zweite Strophe, die da geht: "Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang / Sollen in der Welt behalten / Ihren alten schönen Klang"!

Na also, geht doch! Wir wären da flexibler als die Ösis. Und wo die Ösis Maria Theresia hatten, haben wir Angela Merkel. Ätsch!

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost