Karaseks Woche

Altgriechisch auf Gutsherrenart

War einmal ein Bumerang;

War ein Weniges zu lang.

Bumerang flog ein Stück,

Aber kam nicht mehr zurück.

Publikum - noch stundenlang -

Wartete auf Bumerang.

(Joachim Ringelnatz)

Der Bumerang, den die "Zeit" mit dem seitenlangen Vorabdruck des Guttenberg-Interviews losgeworfen hat, kam dagegen mit voller Wucht zurück. Statt eines Comebacks ein Scherbenhaufen, den das Gespräch mit dem "Lügenbaron" ("Spiegel") und "Gaukler" (FAZ) angerichtet hatte. So breitete die "Zeit" jetzt in einer Doppelseite Leserbriefe unter der Überschrift "Pfui! Pfui! Pfui!" aus.

Ein Rohrkrepierer also? Dumm gelaufen? Ich glaube, da kommt mehr zusammen. Nämlich, dass sich alle, die dem steilen Aufstieg damals bewundernd gefolgt sind, nun abgrundtief schämen. Wie konnten sie sich nur so blenden lassen?

Mir ging das mitten im gestelzten und gespreizten Interview schon an einer winzigen Stelle so. Auf die Frage, warum es ihn denn zurück nach Deutschland und in die deutsche Politik dränge, sagte er, stolz wie ein Pennäler, er sei schließlich ein "Zoon politikon".

Donnerwetter! Altgriechisch! Aristoteles! Wow! Und dennoch haarscharf daneben. Einfach nur angeberisch. Ein Zoon politikon ist nicht etwa ein politischer Mensch, sondern einfach der Mensch an sich, als geselliges Wesen, jemand, der wie Schaf und Mensch am liebsten in der Herde lebt.

Und dabei fiel es mir nachträglich wie Schuppen von den Augen: Hatte Guttenberg nicht einst, im Zenit seiner Laufbahn, auf die Frage, was er denn im Urlaub lesen werde, geantwortet: "Platons 'Politeia'"? Und setzte noch einen drauf: "Und zwar im griechischen Original." Fehlte noch: und nicht nur in lateinischer Übersetzung.

Heute schäme ich mich, dass ich damals nicht gleich nach diesem Satz von einem ungläubigen Gelächter geschüttelt wurde. Eigentlich hätte mir damals sofort klar sein müssen: Das ist Talmi. Der Mann ist ein Angeber. Ein Hochstapler. Selbst dann, und noch schlimmer, für den Fall, dass er wirklich am Strand, mit oder ohne Brille, Platon gebüffelt hätte.

Dazu passt die Geschichte von den zwei Schulfreunden, die sich Jahre nach dem Abitur treffen. Fragt der eine den anderen: "Was hast du gemacht?" Sagt der andere: "Sprachen gelernt." Fragt der erste: "Wie viele kannst du?" Antwortet der andere: "Acht." Sagt der erste: "Wow! Do you speak English?" "Oui", antwortet der andere. Darauf der erste: "Aber das ist doch Französisch!" Darauf der zweite stolz: "Dann kann ich neun." Wow! Das klingt ganz nach der echten Guttenberg-Art. Immer eine Nummer zu groß - und dann auch noch falsch.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost