Karaseks Woche

Monopoly mit Milliarden

In irgendeinem Jahr, am 25. Oktober, schrieb der Arzt, Dramatiker und österreichische Schriftsteller Arthur Schnitzler seinem deutschen Verleger Samuel Fischer einen Brief, in dem es um Tantiemen für eine Theateraufführung in Deutschland ging.

Und das las sich so:

"Lieber Freund, ich erhalte Ihre Abrechnung vom 18. Oktober über eine Milliarde 356 Millionen Mark, dazu über weitere 5 Milliarden 540 Millionen M. als bis heute eingegangene Beträge. Das wären also die nach 1. Oktober eingelaufenen Tantiemen ..."

Was für ein Traum-Honorar, was für eine Tantieme für ein paar Theaterabende. Gigantisch! Dagegen nehmen sich Michael Jacksons Tantiemen für seine geplante letzte Tournee wie, um im Bankjargon der Deutschen Bank zu sprechen, "Peanuts" aus. Des Rätsels und des Wahnsinns Lösung: Das Geld war Inflationsgeld aus dem Jahr 1923. Wert war der ganze Milliardenschrott fünf Goldmark der "guten alten Zeit". Bald darauf machte der deutsche Staat pleite, bankrott. Heute galoppiert nicht das Geld in das Inflationsfieber, heute tun das Spekulanten, aber nicht mit wertlosem Papier, nicht mit Monopoly-Geld, sondern mit echter, harter Währung.

So setzte ein einzelner Händler der UBS, der solidesten Schweizer Bank, die einen Ruf wie einst Fort Knox hatte, in der Londoner Filiale im September 2011 satte zwei Milliarden in den Sand. Müsste er das Geld abzahlen, würde er wahrscheinlich im Jahr 3150 n. Chr. noch abstottern müssen. Die UBS meinte entrüstet und beruhigend, eigentlich hätte der Londoner Angestellte "nur" eine zweistellige Millionensumme vergeigen dürfen. In Wort und Zahl, maximal also 99 Millionen. Das verdient ein gehobener Mittelstandsangestellter in 250 Jahren.

Noch abenteuerlicher wird es, wenn wir erfahren, dass die unter dem Rettungsschirm der Bundesregierung stehende Hypo Real Estate dem Staat durch einen Buchungsfehler eben mal 55 Milliarden zu hohe Schulden zugemutet hat.

Hoppla! Jetzt ist mit einem Schlag Deutschland um 55 Milliarden reicher - oder um 55 Milliarden Schulden ärmer, je nachdem, wie man sich verrechnet! Da Europa bei Hebeln und Schirmen inzwischen nur noch in Billionen denkt (und zwar europäischen und nicht angelsächsischen, ein Eins-zu-tausend-Unterschied), sind das auch nur Peanuts. Oder ein halbes Jahr für Griechenland. Oder ein Monat für Italien. Oder so ungefähr!

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost