Studie

Eltern haben zu wenig Zeit für Kinder

Familien in Deutschland haben immer weniger Zeit für ihre Kinder. 63 Prozent der Väter und 37 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern können sich nach eigenen Angaben aus Zeitgründen zu wenig um ihren Nachwuchs kümmern. Dies geht aus dem am Freitag in Berlin vorgelegten Bericht einer unabhängigen Kommission von Wissenschaftlern zu den Eckpunkten des Familienberichts 2012 hervor.

Die Forscher schlagen den Ausbau von Ganztagsschulen und mehr 30-Stunden-Stellen für Eltern vor. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) warf Unternehmen vor, hinter den gesellschaftlichen Veränderungen hinterherzuhinken.

Dem Bericht zufolge stehen 40 Prozent der Familien mit Kindern "oft oder immer" unter Zeitdruck. Bei alleinerziehenden Müttern steht sogar jede zweite unter Dauerstress. Auch zwei Drittel der Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren finden, Papa habe zu wenig Zeit. Ein Drittel würde auch gerne mehr Zeit mit Mama verbringen. Der Grund für den Unterschied ist die immer noch traditionelle Rollenverteilung. Demnach übernehmen Frauen den Großteil der Familien- und Erziehungsarbeit. Mehr als zwei Drittel der Frauen (67 Prozent) geben an, sie seien für den überwiegenden Teil dieser Aufgaben verantwortlich. Dabei würden 28 Prozent der Frauen mit einer Teilzeitstelle gern mehr arbeiten, wenn dies besser mit der eigenen Familie vereinbar wäre. Dagegen arbeiten Väter oft mehr, als ihren Wünschen entspricht. So machen 67 Prozent der Männer mit minderjährigen Kindern zumindest gelegentlich Überstunden.

Ministerin Schröder hatte eine unabhängige Kommission unter Leitung des Bonner Arbeitsrechtlers Georg Thüsing beauftragt, den neuen Familienbericht der Bundesregierung unter das Thema "Zeit für Familie" zu stellen. Nachdem es lange Jahre in der Familienpolitik um Geld und danach um Infrastruktur für Familien gegangen sei, müsste nun das Problem der Zeit verstärkt in den Blick kommen, so Schröder. "Zeit ist die Leitwährung moderner Familienpolitik", erklärte die Ministerin. Sie sagte weiter, der Wunsch nach mehr Zeit für die Familie rangiere weit vor dem Wunsch nach mehr Geld oder besserer Kinderbetreuung. Mit dieser Entwicklung habe vor allem die Arbeitswelt nicht Schritt gehalten.

Wenn es nach der Kommission ginge, müssten neben dem Ausbau der Ganztagsschulen auch Betreuungseinrichtungen für Kinder länger öffnen. Damit könne man Familien mehr Zeit verschaffen. Denkbar seien auch Änderungen im Arbeitsrecht, um etwa bei betriebsbedingten Kündigungen Väter oder Mütter besserzustellen als Beschäftigte ohne Kinder. Die Vorschläge sollen in den Familienbericht der Regierung einfließen.

Die Familienministerin warf Unternehmen und Betrieben vor, nicht mit den gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten. "Die Arbeitswelt ist immer noch auf Menschen zugeschnitten, die Familienarbeit delegieren können", sagte sie. Eltern bräuchten mehr "Zeit-Souveränität", um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock forderte, aus dem Bericht müssten nun Konsequenzen gezogen werden. "Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Arbeitszeitdebatte", sagte sie. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig erklärte dazu, die Rahmenbedingungen und die Arbeitswelt müssten sich "nach den Bedürfnissen der Familien richten - und nicht umgekehrt". Die Betreuungssituation für Kleinkinder sei vielerorts beklagenswert, so die mecklenburg-vorpommersche Arbeitsministerin. "Plätze fehlen, die Öffnungs- und Ferienzeiten entsprechen nicht dem, was Kinder und Eltern brauchen und wollen." Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast sagte zu den Zahlen: "Der Familienbericht zeigt wieder einmal: In Deutschland sind Arbeit und Familie noch immer zwei klar voneinander getrennte Welten." Schröder müsse nun einen Plan vorlegen, wie sie den Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab 2013 einhalten wolle. Die zwei Milliarden Euro für das laut Künast "unsinnige Betreuungsgeld" sollten besser in Kinderbetreuungsplätze investiert werden, sagte die Fraktionsvorsitzende weiter.