Hans-Dietrich Genscher

Die Füller des Herrn Außenminister

Es war im März, als Hans-Dietrich Genscher (FDP) von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wurde. Unbekannte waren in das Haus des ehemaligen Außenministers in Wachtberg-Pech bei Bonn eingebrochen. Dabei stahlen sie nicht nur einen Teppich und eine Münzsammlung, was vielleicht noch zu verschmerzen gewesen wäre, sondern auch fünf wertvolle Unikate.

Es handelte sich um Füllfederhalter mit historischer Bedeutung. So hatte Genscher mit einem von ihnen 1992 seine Unterschrift unter den Maastricht-Vertrag gesetzt - das Vertragswerk für die Europäische Union. Ort und Datum waren mit goldener Farbe in den schwarzen Füller eingraviert - ein unersetzlicher Verlust.

Doch jetzt gibt es Anlass zur Freude im Hause Genscher. Denn offenbar hat die Diebe die Reue gepackt - oder die Schreibgeräte waren unverkaufbar. Jedenfalls schickten die Einbrecher die Genscher-Füller an eine Mannheimer Polizeiwache. Anonym, versteht sich. Die Schreibgeräte werden noch kriminaltechnisch untersucht und sollen dem 84 Jahre alten Eigentümer zurückgegeben werden.

Man kann spekulieren, ob den Einbrechern vielleicht auch einfach die Bedeutung der Füller nicht ernsthaft klar geworden ist. Denn ein Schreibgerät, das in einem Umschlag mit der Aufschrift "2+4" verwahrt wurde, hatten sie gar nicht erst angerührt. Dabei hatte Genscher damit 1990 in Moskau den sogenannten Zwei-plus-vier-Vertrag unterschrieben. Der Vertrag mit dem damals noch geteilten Deutschland und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs bildete die Grundlage für die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990.