Karaseks Woche

Sein oder nicht Shakespeare

Sein oder Nichtsein?" Die berühmte Frage im berühmtesten Theatermonolog der Welt, dem Hamlet-Monolog, lässt sich auch nach dem Autor als Verfasser stellen. Ist Shakespeare wirklich drin, wo Shakespeare draufsteht?

Von Shakespeare sind unter seinem Namen 38 Dramen (Komödien, Tragödien, Historien), zwei Versepen und 154 Sonette überliefert. Vom Leben des Autors weiß man wenig, so gut wie gar nichts. Handschriftlich gibt es ein paar krakelige Unterschriften.

Er ist Handwerkersohn von analphabetischen Eltern, besuchte nur eine Grammar School in Stratford-upon-Avon, seine Kinder sollen weder des Lesens noch des Schreibens kundig gewesen sein. In seinem Testament vermacht er seiner Frau sein "zweitbestes Bett", weder Buch noch Skript.

Kann das der Autor der gewaltigsten, klügsten, gebildetsten, sprachmächtigsten Werke der Weltliteratur gewesen sein? Der intime Kenner höfischen Lebens und königlicher Intrigen? Der Dramatiker, der über Verona und Venedig schrieb, ohne je in Italien gewesen zu sein?

Die Frage stellte man erstmals 200 Jahre nach seinem Tod. Bis dahin war Shakespeare unangefochten Shakespeare. Gespielt wie gedruckt. Von 1850 an war bald der Gelehrte Sir Francis Bacon, bald Shakespeares im Wirtshausstreit jung erstochener Kollege Christopher Marlowe der heimliche Autor. Rund 5000 Bücher gibt es inzwischen über den wahren Autor, der nicht Shakespeare sein kann.

Favorit zurzeit ist Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, Hofmann und Günstling der Königin Elizabeth. Er ist der tragische Held in Roland Emmerichs grandiosem Theaterspektakel, dem Film "Anonymus", der jetzt auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Und Shakespeare? Ist ein eitler, erpresserischer Schwätzer, der nicht einmal schreiben kann.

Shakespeare nicht von Shakespeare?

Nach einer besonders scheußlichen Hamlet-Inszenierung in London schlug vor Jahren ein Kritiker vor, Shakespeares Grab in Stratford zu öffnen. Habe er sich umgedreht, sei er mit Sicherheit der wahre Autor.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost